Die Wiener Moderne konnte gleich nach ihrer Entstehung eine bemerkenswerte internationale Wirkung entfalten. Hatte ihr Begründer Otto Wagner (1841-1918) noch zeitlebens in Wien gearbeitet und innerhalb der Grenzen der österreichisch-ungarischen Monarchie gebaut, so erhielten bereits um 1900 einige seiner Schüler und Mitarbeiter prestigeträchtige Aufträge und Berufungen aus dem kontinentaleuropäischen Ausland. In der Zwischenkriegszeit trugen Privatschüler von Adolf Loos (1870–1933), Schüler*innen von Josef Hoffmann (1870–1956), Oskar Strnad (1879–1935) und Josef Frank (1885–1967) von der Wiener Kunstgewerbeschule sowie Absolventen der Wiener Technischen Hochschule zentrale Elemente zur modernen kontinentaleuropäischen Architektur bei. Die Schwerpunkte ihrer beträchtlichen Wirkung auf das Baugeschehen und Produktdesign jener Länder lagen in Deutschland, Frankreich, Schweden und Italien.
Pull- und Push-Faktoren
Dominierte vor dem Ersten Weltkrieg noch die Binnenmigration in Österreich-Ungarn, so nahm die Emigration aus der Ersten Republik in die europäischen Länder ab 1918 kontinuierlich zu. Der wichtigste Push-Faktor war die schwache Auftragslage in Österreich für Architekt*innen und Designer*innen. Pull-Faktoren waren die größere Aufgeschlossenheit gegenüber der Moderne in den europäischen Metropolen sowie die relativ niedrigen Hürden der Anreise, die mit entsprechenden Geldmitteln per Eisenbahn mit einem österreichischen Reisepass meist ohne Visa möglich war. Wesentlich höhere juristische und/oder physische Hürden wie etwa Einwanderungsquoten gab es für die Reise nach England und in die klassischen überseeischen Auswanderungsländer wie die USA, Australien oder Lateinamerika. Mit dem „Anschluss“ Österreichs an NS-Deutschland 1938 und den Verfolgungen der Juden sowie der politischen Gegner wandelte sich die sprunghaft ansteigende Emigration zur lebensrettenden Flucht vor der Vernichtung.
Ausstrahlung der Wiener Secession: Josef Maria Olbrich und Josef Hoffmann
Mit der Gründung der Wiener Secession 1897 durch Gustav Klimt (1862–1918), Josef Maria Olbrich (1867–1908), Josef Hoffmann, Kolo Moser (1868–1918) und ihren Mitstreitern wurde eine konsequente Internationalisierung des lokalen Kunstbetriebs gestartet. Die Vernetzung mit bewunderten Pionieren der Moderne wie Auguste Rodin (1840–1917), Ferdinand Hodler (1853–1918) und dem Kreis um Charles Rennie Mackintosh (1868–1928) zählte zu den wichtigsten Prioritäten der jungen Künstlervereinigung. Monografische Ausstellungen dieser europaweit angesehenen Künstler [1] verschafften ihr nicht nur internationales Ansehen, sondern führten auch zu zahlreichen Gegeneinladungen. Dies betraf nicht nur temporäre Ausstellungen von Malerei und Plastik, sondern auch dauerhafte Realisierungen wie etwa Josef Hoffmanns Palais Stoclet in Brüssel 1906–11 oder seine Wohnungseinrichtung für Ferdinand Hodler in Genf 1913.

Das Momentum der internationalen Reformbewegung in Architektur, Kunst und Design hatte um 1900 einen Höhepunkt erreicht. Als wichtiges Medium wurden nun die Künstlerkolonien erkannt, in denen Gleichgesinnte gemeinsam leben und arbeiten sowie ihre Ideen sinnstiftender moderner Lebensweisen in exemplarischen Ausstellungen und Bauten demonstrieren wollten. Das Wiener Projekt einer Künstlerkolonie auf der Hohen Warte mit modernen Wohnhäusern und Werkstätten von Josef Maria Olbrich wurde nur teilweise realisiert und letztlich von Josef Hoffmann geplant. [2] Denn gleichzeitig griff der kunstsinnige junge Großherzog Ernst Ludwig von Hessen (1868–1937) die Idee auf und gründete in Darmstadt die Künstlerkolonie Mathildenhöhe.

Als Architekt gewann er Josef Maria Olbrich, der deshalb 1899 nach Hessen zog und dort die erste größere Gebäudegruppe der Wiener Moderne außerhalb der österreichisch-ungarischen Landesgrenzen errichtete. [3] Neben mehreren Künstlerwohnhäusern entwarf er auch das Atelierhaus und das Ausstellungsgebäude der Kolonie. 1907 zählten mit Olbrich und Josef Hoffmann gleich zwei ehemalige Mitarbeiter und Schüler von Otto Wagner zu den Gründern des Deutschen Werkbundes. 1906–08 plante Olbrich das repräsentative Warenhaus Tietz in Düsseldorf. Die neue Bauaufgabe jener „Kathedralen des Kommerzes“ (Emile Zola) war für moderne Architekten eine perfekte Gelegenheit, ihre Gestaltungsweisen höchst wirkungsvoll im Alltag der urbanen Bevölkerung zu verankern.

Beim Warenhaus Tietz betraf dies nicht nur die aufwändige kunstgewerbliche Ausstattung des Baus, sondern auch dessen innovative Konstruktion in Eisenbeton. [4] Bereits 1908 starb Olbrich. Otto Wagner schrieb einen bewegenden Nachruf. [5] 1914 ging der Otto Wagner- und Adolf Loos-Schüler Rudolph M. Schindler (1887–1953) nach Amerika und zählte dort gemeinsam mit Josef Urban (1872–1933) und Paul Theodore Frankl (1886–1958) zu den Pionieren der US-Moderne. Aus dem Umkreis der Wiener Secession wurde neben Olbrich auch der Grafiker Carl Otto Czeschka (1878–1960) nach Deutschland berufen. An der Hamburger Kunstgewerbeschule verbreitete er in seinem Medium von 1907 bis in die 1940er Jahre mit großem Einfluss die Ideen der Wiener Moderne. [6]

Nach Otto Wagners akademischer Meisterschule (1894–1912) waren ab 1900 auch die innovative Kunstgewerbeschule mit Josef Hoffmann, Kolo Moser, Alfred Roller (1864–1935) und anderen Secessionisten [7] sowie die private Bauschule von Adolf Loos (1912–1914 und 1919–1921) wichtige Impulsgeber für die überregionale Verbreitung von Ideen der Wiener Moderne. Sowohl bei Hoffmann als auch bei Loos lernten Studierende aus allen Provinzen des ausgedehnten Habsburgerreichs. Ab 1918 profitierten diese Länder beim Aufbau als Nachfolgestaaten von der Innovationskraft der heimgekehrten modernen Architekten. In der Bauschule von Adolf Loos studierten zumindest drei junge österreichische Architekten, die ab 1918 zunächst in Deutschland bauten und dann weiter nach England und in die USA gingen: Ernst Freud (1892–1970), Richard Neutra (1892–1970) und Leopold Fischer (1901–75). Einige weitere – wie etwa Rudolph M. Schindler – gingen direkt in die Exilländer, ohne zuvor in Europa Bauten realisiert zu haben.
Loos-Schüler in Deutschland: Ernst Freud, Richard Neutra und Leopold Fischer, 1920–33
Der intensive internationale Austausch zwischen den europäischen Zentren der Moderne wurde durch den Ersten Weltkrieg von 1914 jäh unterbrochen. Durch die Kriegsfolgen war Paris als Zentrum der Moderne bis in die frühen 1920er Jahre für ambitionierte junge Architekten und Künstler schwer erreichbar, sodass nach der deutschen Revolution vom November 1918 der Aufstieg Berlins als neues kontinentales Zentrum der Avantgarde begann. In der Novembergruppe, die nach diesem Umsturz benannt ist, organisierte sich die Avantgarde mit rund 120 Architekten und Designern, Plastikern, Malern und Grafikern. Die Vereinigung entstand am Höhepunkt des Expressionismus und bekannte sich als radikal und revolutionär. Unter den Architekten und Designern schlossen sich unter anderen Marcel Breuer (1902–81), Walter Gropius (1883–1969), El Lissitzky (1890–1941), Hans (1890–1956) und Wassili Luckhardt (1889–1972), Erich Mendelsohn (1887–1953), Ludwig Mies van der Rohe (1886–1969), Georg Muche (1895–1987), J. J. Pieter Oud (190–1963), Hans Poelzig (1869–1936), Hans Richter (1888–1976), Bruno (1880–1938) und Max Taut (1884–1967) sowie Heinrich Tessenow (1876–1950) der Gruppe an. Die Novembergruppe, innovative Bauherren wie Adolf Sommerfeld (1886–1964), Hans Lachmann-Mosse (1885-1944), Salman Schocken (1877–1959) und Albert Einstein (1879–1955), der vibrierende Theaterbetrieb und Kunsthändler wie Wolfgang Gurlitt (1888–1965) und Paul Cassirer (1871–1926) übten auf junge und engagierte Architekten und Designer aus Österreich starke Anziehungskraft aus.

Nach dem Krieg erreichte Ernst Freud 1920 als erster hoffnungsvoller junger Architekt aus Wien die deutsche Hauptstadt. [8] Der Sohn von Sigmund Freud (1856–1939) hatte 1911–1919 (mit Unterbrechungen durch Kriegsdienst) an der Technischen Hochschule in Wien, in der Privatschule von Adolf Loos und an der Technischen Hochschule München studiert. Seine Spezialisierung auf Wohnhäuser und Einrichtungen für Ärzte ging wohl auf seinen berühmten Vater zurück und verschaffte ihm zahlreiche Aufträge von angesehenen Berliner Medizinern. Die Arztwohnhäuser zeigen deutliche Inspirationen von Adolf Loos und dem frühen Mies van der Rohe – so ist etwa Ernst Freuds Villa Frank in Geltow (1930) nach dem Vorbild von Loos als Terrassenhaus angelegt und in der Art von Mies‘ Häusern Lange und Esters in Essen (1928–1930) als langgestreckter Sichtziegelbau mit raumhohen Verglasungen ausgeführt.
Auch Ernst Freuds Studienkollege und Freund Richard Neutra sah im Berlin der 1920er Jahre bessere Berufschancen als in Österreich. Auch er hatte in Wien an der Technischen Hochschule und als Privatschüler von Adolf Loos studiert, bevor er über Zürich nach Deutschland ging. 1921 brachte ihn seine erste Beschäftigung im Stadtbauamt von Luckenwalde in Brandenburg in Kontakt mit Erich Mendelsohn. Die Arbeitersiedlung Luckenwalde, der ikonische Einsteinturm und das Verlagshaus Rudolf Mosse in Berlin sowie die Schocken-Kaufhäuser in Nürnberg, Stuttgart und Chemnitz machten Mendelsohn zu einem der erfolgreichsten und einflussreichsten Architekten Deutschlands jener Zeit. Seine Ausdrucksweise entwickelte sich von den organisch-expressionistischen Formen des Einsteinturms (1920–1922) über sein „signature design“ großer Büro- und Geschäftshäuser mit dynamisch abgerundeten Eckrisaliten und Bandfenstern bis hin zu einer sachlicheren Auffassung während der späteren Exiljahre in Palästina, England und den USA (1933–1953). Richard Neutra arbeitete 1921–1923 im Büro von Mendelsohn in Berlin.

In dieser Zeit erhielt er vom engagierten Bauunternehmer und Developer Adolf Sommerfeld, der unter anderen auch mit Walter Gropius an Siedlungsprojekten arbeitete, den Auftrag für die Planung von vier Einfamilienhäusern in Berlin-Zehlendorf. [9] Noch während der Errichtung dieser Häuser ging Neutra 1923 weiter nach New York und trat 1924 in das Büro von Holabird & Roche in Chicago ein, bevor er zu Frank Lloyd Wright (1867–1959) und weiter zu Rudolph M. Schindler nach Los Angeles wechselte. Mit Mendelsohn blieb Neutra weiter verbunden und arrangierte einen Besuch des Berliner Architekten bei Wright in Taliesin, Wisconsin, im Jahre 1924.
Leopold Fischer, Siedlung Friedrichshöhe, Bernburg („Zickzackhausen“), 1929
Neben Berlin entstand in den 1920er Jahren mit dem Bauhaus in Weimar und Dessau ein zweites Zentrum der Architektur- und Designavantgarde Deutschlands. Walter Gropius war 1915–1920 mit der berühmten Wiener Salonière Alma Mahler (1879–1964) verheiratet und hatte in deren Umkreis das erfolgreiche moderne Ausbildungsmodell der Wiener Kunstgewerbeschule mit ihren Lehrern Josef Hoffmann, Oskar Strnad, Heinrich Tessenow und Josef Frank kennengelernt. [12] Nach dem Vorbild der Wiener Reformkunstschule und als Nachfolger von Henry van de Velde (1863–1957) gründete er 1919 in Weimar das Bauhaus. Im privaten Atelier von Walter Gropius und Adolf Meyer (1881–1929) arbeitete 1925 vorübergehend der junge Wiener Architekt Leopold Fischer. Dieser hatte 1918–1921 an der Technischen Hochschule Wien ohne Abschluss studiert und 1919–1924 in der privaten Bauschule sowie im Atelier von Adolf Loos gelernt. 1924/25 arbeitete er in der Künstlerkolonie Worpswede bei Leberecht Migge (1881–1935), einem Pionier der deutschen Siedlungsbewegung, bevor er 1925 kurzzeitig bei Gropius an der Siedlung Dessau-Törten mitwirkte. 1925–1931 arbeitete er für den Anhaltischen Siedlungsverband und realisierte unter anderem die bekannte Siedlung Zickzackhausen in Friedrichshöhe-Bernburg (Saale) in Sachsen-Anhalt. 1926 ging er weiter nach Los Angeles. [13]
Friedrich Kiesler und Josef Neufeld in Berlin, 1923-27

Die Berliner Avantgarde bot jungen Architekten auch mit temporären Bauten die Möglichkeit, Innovationen zu präsentieren und sich einen Namen zu machen. Ein weithin beachtetes Theaterprojekt gelang etwa Friedrich Kiesler (1890–1965), der nach abgebrochenen Studien an der Technischen Hochschule Wien und an der Akademie der bildenden Künste ab 1921 mit Unterbrechungen in Berlin lebte. [10] Unter Direktor Eugen Robert (1877–1944) inszenierte er im Theater am Kurfürstendamm das kapitalismuskritische Stück W.U.R. von Karel Čapek (1890–1938) über den Einsatz von Industrierobotern. Ein „elektro-mechanisches“ Bühnenbild sowie innovative Filmprojektionen unterstützten die gesellschaftskritische literarische Aussage mit ausdrucksstarken Mitteln. [11] Kiesler befasste ich sich auch weiterhin mit innovativen Technologien für Theater, Film und Kinobauten. 1924 in Wien und 1925 in Paris kuratierte und gestaltete er Ausstellungen über das internationale Avantgardetheater (siehe unten).

1926 erreichte schließlich auch Josef Neufeld (1899-1980) Berlin. Der junge Architekt entstammte einer galizisch-jüdischen Familie, die um den Ersten Weltkrieg nach Wien gegangen war und wurde dort Mitglied der sozialistisch-zionistischen Jugendorganisation Hashomer Hatzair. 1920 bis um 1925 lebte und arbeitete er in Palästina und Rom und erwarb um 1926 sein Diplom an der Wiener Akademie bei Clemens Holzmeister. Wie Ernst Freud und Richard Neutra suchte auch er die Nähe von Erich Mendelsohn, des bekanntesten und erfolgreichsten jüdischen Architekten Deutschlands jener Zeit. 1927-1931 arbeitete er in dessen Berliner Büro unter anderem am Haus des Deutschen Metallarbeiterverbandes (1928-30). In Berlin lernte er auch Bruno Taut kennen, den er 1932 in die Sowjetunion begleitete (siehe unten). 1932-1941 war Neufeld wieder in Palästina, bevor er weiter nach New York ging (Dank für die Informationen an Matthias Dorfstetter und Nir Buras).
Das Neue Frankfurt: Anton Brenner, Franz Schuster, Margarete Lihotzky und Wilhelm Schütte, 1925–37
Neben Berlin und München, Weimar und Dessau, Dresden und Breslau war ab 1925 auch Frankfurt am Main ein wichtiger Brennpunkt der modernen Architektur Deutschlands. Ernst May (1886–1970), der 1908–1913 an der Technischen Hochschule München studiert hatte, unternahm nach diversen Aktivitäten im deutschen Siedlungsbau inspirierende Studienreisen zu internationalen Pionieren der Moderne wie Raymond Unwin (1863–1940), Frank Lloyd Wright und Lewis Mumford (1895–1990). Im Oktober 1925 wurde er zum Stadtrat und Dezernent für Städtebau in Frankfurt am Main ernannt. Zu seinem Wirkungsbereich gehörten die Abteilungen Hochbauamt mit Typisierung und Bauberatung, das Siedlungsamt mit Stadt- und Regionalplanung sowie Garten- und Friedhofswesen, die Baupolizei und diverse Aufsichtsratsposten. May entfaltete sofort intensive Aktivitäten zur Beseitigung der drückenden Wohnungsnot im Gefolge des Ersten Weltkrieges. Konzepte dafür waren schon zuvor im Deutschen Werkbund und von Bauhaus-Gründer Walter Gropius entwickelt worden, der den Serienbau propagierte und Prototypen dafür 1926 in Dessau-Törten und 1927 bei der Werkbundsiedlung Weißenhof in Stuttgart präsentierte.
Das groß angelegte Bauprogramm der Stadt Frankfurt [14] zog zahlreiche junge Architekten an, die fortschrittliche Konzepte kennenlernen oder eigene erproben wollten. Aus Österreich gingen zwei ehemalige Schüler und eine Schülerin der Wiener Kunstgewerbeschule nach Frankfurt, um für Ernst May zu arbeiten: Anton Brenner (1896–1957), Franz Schuster (1892–1972) und Margarete Lihotzky (1897–2000).

Anton Brenner hatte nach der Kunstgewerbeschule 1922–1926 bei Peter Behrens (1868–1940) und Clemens Holzmeister (1886–1983) an der Wiener Akademie der bildenden Künste studiert. 1924/25 entwickelte er den Prototyp eines Wohnhauses in Stahlbetonskelett-Bauweise für die Stadt Wien in der Rauchfangkehrergasse. Diese Innovation wurde von der Stadt Wien jedoch ebenso wenig für ihre große Kampagne an Geschosswohnbauten aufgegriffen wie das Terrassenhauskonzept von Adolf Loos. 1926 trat Brenner in das Frankfurter Hochbauamt ein und plante 1928 für die Siedlung Praunheim dreigeschossige Laubengang-Wohnhäuser. 1929 lehrte er am Bauhaus in Dessau und 1930 realisierte er gemeinsam mit Paul Mebes (1872–1938) und Paul Emmerich (1876–1958) ein weiteres Laubenganghaus in Berlin, bevor er nach Wien zurückkehrte. [15]
Franz Schuster hatte 1912–16 an der Wiener Kunstgewerbeschule bei Oskar Strnad und Heinrich Tessenow studiert. 1916–18 war er Assistent Tessenows an der Kunstgewerbeschule und unterstützte diesen 1921–22 bei der Planung der wegweisenden Siedlung Hellerau in Dresden. 1923–25 arbeitete er im neuen Siedlungsamt der Stadt Wien unter Hans Kampffmeyer (176–1932) und Adolf Loos, 1923–24 errichtete er gemeinsam mit Franz Schacherl (1895–1943), der 1938 über Paris nach Namibia flüchten sollte, die bekannte Siedlung am Wasserturm in Wien-Favoriten. Bis 1928 plante Schuster – teils alleine – fünf weitere Siedlungen für Genossenschaften sowie zwei Geschosswohnbauten für die Stadt Wien. Mit diesem Hintergrund war er ideal für Ernst Mays sozialen Wohnbau geeignet und arbeitete 1927–30 in dessen Frankfurter Stab.

Nachdem May 1930 in die Sowjetunion gegangen war, wirkte Schuster in Frankfurt weiterhin als Architekt sowie an der Kunstgewerbeschule (Städelschule) als Leiter einer Fachklasse für Wohnungsbau und Innenausstattung. 1937 wurde er als Nachfolger von Josef Hoffmann und Leiter einer Fachklasse für Architektur an die Wiener Kunstgewerbeschule berufen und lehrte dort ohne Unterbrechung bis 1967. [16]

Auch Margarete Lihotzky hatte 1915–19 an der Wiener Kunstgewerbeschule bei Oskar Strnad und Heinrich Tessenow studiert, bevor sie nach Praxisjahren in Österreich und Holland 1921 in das neue Siedlungsamt der Stadt Wien eintrat. Mit Adolf Loos und Ernst Egli (1893–1976) arbeitete sie dort an Siedlungsprojekten, bevor sie 1922 im Baubüro des Österreichischen Verbandes für Siedlungs- und Kleingartenwesen unter Ernst Neurath (1882–1945) wirkte. 1926 ging sie nach Frankfurt und entwickelte im Hochbauamt unter Ernst May zahlreiche Konzepte zur Rationalisierung der Hauswirtschaft. Dies kulminierte in der bekannten Frankfurter Küche, die als vorgefertigter Typus in den Wohnbauten der Stadt Frankfurt verbaut werden sollte. Als eine der ersten standardisierten Einbauküchen-Typen wurde sie in zwei Varianten in vielen der rund 15.000 Wohnungen des Neuen Frankfurt eingebaut. 1927 heiratete Margarete Lihotzky den deutschen Architekten Wilhelm Schütte (1900–68), der 1918–23 in Darmstadt und München studiert sowie 1923–25 für die Oberpostdirektion München und für Martin Elsaeser (1884–1957) gearbeitet hatte und seit 1925 für Ernst May tätig war. [17]
Das Ehepaar Schütte in der Sowjetunion (1930–37) und in Paris (1937/38), Josef Neufeld in Moskau (1932)
Ernst May, das „Mastermind“ hinter dem Neuen Frankfurt der 1920er Jahre, ging 1930 auf Einladung der sowjetischen Regierung mit einer Architektenbrigade nach Moskau. Zur Gruppe gehörten unter anderen Mart Stam (1899–1986), Heinrich Eggerstedt (1904–45), Gustav Hassenpflug (1907–77), Fred Forbát (Alfred Füchsl, 1897–1972), Walter Kratz (1899–1957), Walter Schwagenscheidt (1886–1968), Erich Mauthner (1901–89), Wilhelm Schütte, Margarete Schütte-Lihotzky [18] und der Grafiker Hans Leistikow (1892–1962). May wirkte bis 1933 im staatlichen Stadtplanungsbüro Standartgorproekt. Ein Brennpunkt der Aktivitäten war die 1929 gegründete Stadt Magnitogorsk am Fluss Ural im Süden des gleichnamigen Gebirges. Die reichen Magnetit-Vorkommen, die als Eisenerz eine strategische Rolle in Stalins Industrialisierungskampagne spielten, ermöglichten hier die Errichtung eines großen Stahlhüttenkombinats. Parallel entstanden große Arbeitersiedlungen, unter anderem das 1. Quartal auf der östlichen, „asiatischen“ Seite des Ural-Flusses. Aus praktischen Gründen wird es hier dem europäischen Teil Russlands zugerechnet.

Am neuen Puschkin-Prospekt errichtete Wilhelm Schütte eine zweigeschossige Schule, während Margarete Schütte-Lihotzky links und rechts der Pionierskaya-Straße Kindergärten baute. Dabei realisierte sie einen Typenentwurf für 65 Kinder mit Badeplatz, Gemüsegarten und luftiger Dachpergola. Insgesamt kennt die Fachliteratur 17 verschiedene Kindergarten-Typen von Schütte-Lihotzky aus ihrer sowjetischen Zeit. [19] Einige davon wurden in bislang unbekannter Zahl ausgeführt.

Zudem entwarf Schütte-Lihotzky zahlreiche Typenmöbel für Wohnungen und Kindergärten, von denen mehrere in Serienproduktion gingen. Schließlich engagierte sie sich auch an einem Institut für Familienplanung und arbeitete im Volkskommissariat für Bildungs- und Gesundheitswesen mit. Ein Höhepunkt der Zeit des Ehepaars Schütte in der Sowjetunion war die Studienreise nach China und Japan, die man 1934 unternahm. Bereits im August 1936 und im Jänner 1937 fanden allerdings die ersten großen Schauprozesse unter dem Regime Stalins statt. Bald danach begann eine große Verhaftungswelle gegen sämtliche deutschsprachige Fachleute und Mitarbeiter*innen in der rüstungsrelevanten Industrie sowie im Bauwesen der Sowjetunion. Davon wären wohl auch Schütte und Schütte-Lihotzky betroffen gewesen. Gerade noch rechtzeitig reisten sie allerdings im August 1937 gen Westen ab und entging so den meist tödlich verlaufenden stalinistischen „Säuberungen“.

Da das Ehepaar Schütte nun als engagierte Kommunisten das NS-Regime vom Ausland her bekämpfen wollte, reiste man nicht zurück nach Deutschland. Auch in der seit 1933 etablierten christlich-sozialen österreichischen Kanzlerdiktatur gab es für Kommunisten keine berufliche Perspektive. Einen ersten Versuch, sich erneut im internationalen Architekturgeschehen zu etablieren, unternahm das Ehepaar Schütte erfolglos in England. 1937 ging man weiter nach Paris und schloss eine temporäre Projektpartnerschaft mit Pierre Forestier (1902–89), einem Schüler von Auguste Perret (1874–1954), sowie Tibor Weiner (1906–65), einem ehemaligen Schüler von Hannes Meyer (1889–1957) am Bauhaus in Dessau. Schütte und Schütte-Lihotzky kannten Weiner wohl bereits aus der Sowjetunion, da er dort 1930–33 gemeinsam mit dem Schweizer Architekten Hans Schmidt (1893–1972) an städtebaulichen Projekten für die Industrialisierung der Stadt Orsk am Ural-Fluss mit Buntmetallhütten rund 300 km südlich von Magnitogorsk mitgewirkt hatte. Danach gingen beide in die Schweiz, wo Weiner 1934–36 in Schmidts Basler Büro arbeitete. 1937 zog er weiter nach Paris und lebte 1939–48 in Chile. Ab 1950 wirkte er für das Bautenministerium seiner ungarischen Heimat.

Forestier, Weiner, Schütte und Schütte-Lihotzky scheinen nur ein einziges Wettbewerbsprojekt gemeinsam geplant zu haben, nämlich eine Mädchenschule samt Kindergarten für den Vorort Bagneux im Süden von Paris. Der Beitrag führte aber nicht zur Beauftragung der Planer-Partnerschaft. [20] Das Ehepaar Schütte fand auch sonst keine Arbeit in Paris, die ihren Erwartungen entsprochen hätte.

In dieser Situation kam jedoch wieder das Netzwerk aus der Sowjetunion zu Hilfe. Bruno Taut (1880–1938), der 1932/33 kurzzeitig für die Moskauer Stadtverwaltung tätig war und das Ehepaar Schütte aus der deutschen Architektengemeinde in Russland kannte, unterstützte dieses nun tatkräftig. In Moskau hatte als einziger Mitarbeiter aus Berlin der Österreicher Josef Neufeld für Taut gearbeitet. Neufeld ging später nach Palästina, wo er von den 1920er bis in die 1950er Jahre zahlreiche Spitäler errichte (siehe oben). Das Werkverzeichnis von Bruno Taut (W. Nerdinger et al. 2001) listet acht Projekte, die unter Mitarbeit von Josef Neufeld 1932/33 in und für Moskau entstanden: Ein Staatshotel und Grand Hotel (WV 145), das Inturist Hotel (WV 146), ein Wohnblock (WV 147), eine Wohnanlage am Kursker Bahnhof (WV 148), das Staatshotel und Zweite Haus des Sowjets (WV 149), die Aufstockung der Deutschen Botschaft (WV 150), das Haus für ausländische Spezialisten (WV 151) und das Zentralkrematorium (WV 152). Davon wurde jedoch nur die Aufstockung der deutschen Botschaft realisiert. Nir H. Buras nennt darüber hinaus in seiner 2000 am Technion in Haifa entstandenen Dissertation über Josef Neufeld ein Städtebauprojekt für Aserbaidschan.

Nach seinem enttäuschenden Abenteuer in der Sowjetunion und einer Reise nach Japan wurde Bruno Taut 1936 schließlich an die Akademie der Künste nach Istanbul berufen. 1937 lud er das Ehepaar Schütte ein, ebenfalls in die Türkei zu kommen, um an Mustafa Kemal Atatürks (1881–1938) laufendem Aufbau eines modernen Staates und seiner Infrastruktur mitzuwirken. Bereits am 30. Juni 1938 erhielt Margarete Schütte-Lihotzky vom türkischen Kulturministerium einen Vertrag für die Planung von Schulbauten. Am 24. August 1938 erreichte das Ehepaar Schütte Istanbul. 1939 trat man dort der Auslandsorganisation der Kommunistischen Partei Österreichs (KPÖ) bei. Die Partei unterhielt im Krieg eine wichtige Drehscheibe in der Türkei. Auch der Grazer Architekt Herbert Eichholzer (1903–43) gehörte ihr an, unternahm im März 1940 eine Mission in Österreich, wurde am 7. Februar 1941 verhaftet und am 7. Jänner 1943 hingerichtet. Am 24. Dezember 1940 reiste Schütte-Lihotzky als Kurierin der Partei unter der Tarnung eines Familienbesuchs aus Istanbul Richtung Wien. Am Weg dorthin wurde sie in Zagreb vom Wiener Architekten Julius Kornweitz (1911–44) instruiert. 1941 ging auch Kornweitz nach Wien, um die von der Gestapo zerschlagene illegale KPÖ zu reorganisieren. Durch Verrat wurde die Wiener Zelle enttarnt. Schütte-Lihotzky wurde am 22. Jänner 1941 verhaftet und zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt, aus dem sie erst am 29. April 1945 befreit wurde. [21] Julius Kornweitz wurde am 25. April 1942 verhaftet und als Jude in das Konzentrationslager Mauthausen gebracht, wo er 1944 ermordet wurde. [22]
Adolf Loos im französischen Exil, 1922–31
Von Kriegsbeginn 1914 bis in die frühen 1920er Jahre war ein Aufenthalt in Frankreich für Staatsbürger der Mittelmächte stark erschwert. Viele avantgardistische Künstler*innen zogen daher – wie oben beschrieben – für die ersten Nachkriegsjahre nach Berlin. Dennoch galt Paris weiterhin als eigentliches Zentrum der Moderne. Einige internationale Pioniere der modernen Kunst sowie zahlreiche junge Künstler*innen lebten und arbeiteten daher in den 1920er Jahren für begrenzte Zeit oder sogar dauerhaft in Frankreich. [23] Adolf Loos hatte nach dem Ende der Monarchie darauf gehofft, seine Wohn- und Siedlungskonzepte im neuen sozialen Wohnbauprogramm der nunmehr „roten“ Stadt Wien auf breiter Basis realisieren zu können. Anfangs schien sein pragmatischer Zugang zur Lösung der drängenden Behausungsfrage durch den Bau von Reihenhaussiedlungen mit Selbstversorgergärten durchaus kompatibel mit den politischen Zielen der sozialdemokratischen Stadtverwaltung. So wirkte Loos 1920–1924 als Chefarchitekt des Siedlungsamtes der Stadt Wien und realisierte unter anderen die bekannten Projekte der Heubergsiedlung und der Friedensstadt. 1924 führten jedoch die baupolitische Kurswende der Stadtverwaltung zur Distanzierung der Stadtverwaltung von Loos‘ Konzepten. Man reduzierte nun drastisch die Unterstützung des suburbanen Siedlungsbaus durch Genossenschaften und realisierte stattdessen bis 1933 fast nur mehr große innerstädtische Geschosswohnbauten in Eigenregie.

Auch für diesen verdichteten Wohnbau schlug Loos mit seiner Terrassenhausidee innovative Konzepte vor. Allerdings zeigte sich 1924 bei der Planung der Wohnhausanlage Winarskyhof, an der sich mit Loos gemeinsam mit acht der renommiertesten Architekt*innen der Stadt beteiligen sollte, dass sein Vorschlag mit den Vorstellungen der Stadtverwaltung unvereinbar war. So schied Loos aus dem sozialen Wohnbauprogramm des Roten Wien aus.

Bereits 1922/23 weilte Loos an der Côte d’Azur und adaptierte sein Terrassenhaus-Konzept nun an das mediterrane Ambiente neuer Wohnhaus- und Hotelprojekte (Grand Hotel Babylon in Nizza, Gruppe von zwanzig Villen mit Dachgärten, Villa für Paul Verdier). Seine Idee für ein Hotel in einem Pinienwald an der Côte d’Azur wurde 1931 in der Zeitschrift L’Architecture d’Aujoud’hui publiziert.

1923 zog Loos nach Paris zum befreundeten österreichischen Avantgardemusiker Jan Ślivińsky (Hans Effenberger, 1884–1950) an den Quai d’Orléans 20. [24] Ślivińsky betrieb 1925-1929 in der Rue du Cherche-Midi 5 die Avantgarde-Galerie Au sacre du printemps, in der u.a. 1928 die zweite Surrealismus-Ausstellung stattfand. Adolf Loos‘ Umgang mit der Pariser Avantgarde brachte ihn auch in Kontakt mit Marcel L’Herbier (1888-1979), Willi Baumeister (1889–1955), Piet Mondrian und Enrico Prampolini (1894–1956). 1925 wohnte er in der Rue de Rivoli 42 bei Erwin Rosenberg, für den er ein nicht realisiertes Haus an der Avenue Junot entwarf. 1926–28 lebte Loos in der Rue de la Boétie 101 sowie im Hotel Californie in der Rue Berri 16. An realisierten Projekten plante er 1925/26 mit seinen temporären Mitarbeitern Heinrich Kulka (1900–71), Zlatko Neumann (1900–69), Walter Loos (1905–74) und Jean Welz (1900–75) das Wohnhaus des dadaistischen Dichters Tristan Tzara (1896–1963) in der Avenue Junot 15 sowie 1927/28 die Pariser Filiale des Wiener Herrenausstatters Kniže an der Avenue des Champs-Élysées 146, dessen Stammhaus am Wiener Graben er bereits 1910 –1913 gestaltet hatte. Für den nunmehrigen Pariser Geschäftsführer Hugo Steiner und seine Frau, die Malerin Lilly Steiner (1884–1962), hatte Loos 1910 in Wien auch das wegweisende Haus Steiner errichtet. Für die bekannte amerikanische Tänzerin Josephine Baker (1906–75) entwarf Loos 1927 ein nicht realisiertes Pariser Wohnhaus mit Swimmingpool. 1931 kehrte er nach Wien zurück.

Loos‘ Privatschüler und Pariser Mitarbeiter Heinrich Kulka, Zlatko Neumann, Walter Loos und Jean Welz gingen bald eigene Wege. Neumann kehrte 1928 in seine Heimat Kroatien zurück und wirkte in Zagreb als einer der Pioniere der Moderne. Heinrich Kulka ging 1928 zurück nach Wien, wirkte dort als Partner von Adolf Loos und gab 1931 die erste Monografie über den Meister heraus. [25] 1933–38 war er selbstständiger Architekt in Wien und Böhmen. 1938 flüchtete er über England nach Neuseeland, wo er wesentlich zur Verbreitung der modernen Architektur beitrug. [26] Walter Loos hatte 1925 nur kurze Zeit bei Loos in Paris gearbeitet, kehrte nach Wien zurück und ging 1938 über England und die USA nach Argentinien, wo er sich – wie Kulka in Neuseeland – mit seiner Frau, der Textildesignerin Fridl Steininger-Loos (1905–2000) am Aufbau einer modernen lokalen Kunstszene beteiligte. [27] Nur Jean (Hans) Welz blieb längere Zeit in Paris. Hans war der Bruder des Salzburger Kunsthändlers Friedrich Welz (1903–80) sowie ein Neffe des Vergolders und Rahmenmachers Maximilan Welz (1876–1942) in Wien. 1918–1921 hatte er an der Wiener Kunstgewerbeschule bei Oskar Strnad und Josef Frank studiert. 1921–1925 arbeitete Welz im Atelier von Josef Hoffmann in Wien und an dessen österreichischem Pavillon der Pariser Art-Déco-Ausstellung mit.
Paris 1925: Art Déco, Neoplastizismus und Friedrich Kiesler
1925 zog die Exposition internationale des arts décoratifs et industriels modernes zahlreiche Architekt:innen und Designer:innen aus aller Welt nach Paris. Aufgrund der politischen Spannungen nach dem Krieg wurde Deutschland von der veranstaltenden französischen Regierung nicht zur Teilnahme eingeladen, während die USA eine Einladung ausschlugen, weil sie nach Meinung des zuständigen Handelsministers Herbert Hoover (1874–1964) über keine moderne Designszene verfügten. Österreich präsentierte einen beachteten nationalen Pavillon von Josef Hoffmann mit Themen-Bauteilen von Peter Behrens (Glashaus), Oskar Strnad (Orgelturm) und Josef Frank (Café).

Zusätzlich wurden Exponate und Installationen aus Österreich im Grand Palais und an weiteren Ausstellungsorten präsentiert. Hoffmanns Pavillon wurde in Wien vorgefertigt, und die Teile per Bahn nach Paris transportiert sowie dort montiert (teils auf einer Terrasse über der Seine). [28]

Im Grand Palais waren die innovativsten österreichischen Beiträge zu sehen: Dort präsentierten die Installationen von Oswald Haerdtl (1899–1959) für die Architektur und Friedrich Kiesler für das Theater aus Österreich avantgardistische Ausstellungsdisplays, die deutlich vom Neoplastizismus der De-Stijl-Bewegung um Piet Mondrian und Theo van Doesburg inspiriert waren. In der Architekturausstellung wurden Modelle, Schaubilder und Pläne von etablierten Architekten (etwa Josef Hoffmanns Palais Stoclet in Brüssel) und von Schülern der Wiener Kunstgewerbeschule gezeigt.

Friedrich Kieslers Theaterausstellung präsentierte in einer abgehängten Konstruktion aus Kanthölzern und Plattformen in Primärfarben avantgardistische Bühnenbildentwürfe und Modelle. Diese Installation war gleichzeitig das Modell einer frei im Raum schwebenden Zukunftsstadt (Raumstadt, Cité dans l’espace, City in Space). [29] Die Gestaltung war deutlich vom niederländischen Neoplastizismus von Piet Mondrian (1872–1944) und Kieslers Freund Theo van Doesburg (1883–1931) beeinflusst. Ein Manifest dazu veröffentlichte Kiesler in der Zeitschrift De Stijl. [30] Die radikale Emanzipation von der Gravitation als Symbol überkommener vormoderner Ordnungen war ein Topos in der Rhetorik der damaligen Avantgarde und wurde etwa auch von Le Corbusier (1887–1965) mit seinen Häusern auf schlanken Stützen oder von El Lissitzkys konstruktivistischen Architekturvisionen bemüht. [31]

Nach der Art-Déco-Schau 1925 blieb Kiesler in Paris, da er dort wegen der Erfolge der internationalen Avantgarde – etwa durch die Pavillons von Le Corbusier und Konstantin Melnikow (1890–1974) – bessere Karrierechancen erwartete als in Wien. Kiesler pflegte unter anderem Kontakte zu Fernand Léger (1881–1955) und Theo van Doesburg, mit dem ihn eine enge Freundschaft verband. [32] 1926 zog er mit seiner Frau Stefi (1897–1963) auf Einladung des New Yorker Avantgarde-Magazins Little Review weiter nach New York. Von August bis Oktober 1930 hielt sich das Ehepaar Kiesler erneut in Paris auf, um seine Visa für die USA zu erneuern. 1947 reiste Friedrich Kiesler auf Bitte von André Breton für die Gestaltung einer Ausstellung der Surrealisten ein drittes Mal nach Paris. [33]
Der Kreis um Le Corbusier, 1922–33
1922 kam der armenisch-iranische Architekt Gabriel Guevrekian (1892–1970), der 1915–19 an der Wiener Kunstgewerbeschule bei Oskar Strnad und Josef Frank studiert und 1919–23 für Josef Hoffmann gearbeitet hatte, nach Paris. Hier fand der prototypische Kosmopolit sofort Anschluss an die Architektur-Avantgarde um Le Corbusier, André Lurçat (1894–1970) und Sigfried Giedion (1888–1968). 1922–26 arbeitete er mit Robert Mallet-Stevens (1886–1945) an dessen Häusern in der gleichnamigen Straße im 16. Pariser Arrondissement. Mallet-Stevens war ein Neffe von Suzanne Stevens (1874–1949) , der Ehefrau des belgischen Bankiers und Industriellen Adolphe Stoclet (1871–1949). Für diese Familie hatte Josef Hoffmann mit Künstlern der Wiener Werkstätte 1906-11 in Brüssel sein berühmtes Palais Stoclet erbaut. [34] Durch Hoffmanns starken Eindruck auf Mallet-Stevens und den Couturier Paul Poiret (1879–1944), für den er ein (nicht realisiertes) Modeinstitut entwarf, beeinflusste er den Pariser Art Déco nennenswert.

Für die Villa von Vicomte Charles (1891–1981) und Marie-Laure de Noailles (1902–70) im südfranzösischen Hyères, die Mallet-Stevens plante, entwarf Guevrekian einen kubistischen Garten aus orthogonalen Beeten und Farbfeldern. Ab 1928 wirkte er auf Wunsch von Le Corbusier als Generalsekretär der Congrès Internationaux d’Architecture Moderne (CIAM). 1929–32 entstand sein Modell-Doppelhaus auf Pilotis für die Wiener Werkbundsiedlung. 1933 ging er nach Teheran, um für die dortige Stadtplanung zu arbeiten. [35]

Jean (Hans) Welz, der ebenfalls an der Wiener Kunstgewerbeschule studiert und bei Josef Hoffmann gearbeitet hatte, wirkte 1925 an Österreichs Beiträgen für die Art-Déco-Weltausstellung mit. Danach arbeitete er für Adolf Loos an dessen Haus Tzara sowie für den Pariser Architekten Raymond Fischer (1898–1988). Er verkehrte in Avantgarde-Kreisen um Robert Mallet-Stevens und bewunderte Le Corbusier. 1933 entwarf er streng nach dessen Planungsprinzipien ein schmales Wohnhaus auf Pilotis an einem steilen Hang mit weitem Ausblick über Paris. Bauherr für das Haus in der Rue Georges Lardennois 70 im 19. Pariser Arrondissement (Buttes-Chaumont) war der griechische Ingenieur Athanase Zilveli. Trotz Petitionen von Architekturfreunden wurde es 2022 abgetragen. Welz ging 1936 mit einem Empfehlungsschreiben von Le Corbusier nach Südafrika, das man – gleichsam auch aus einer kolonialen Perspektive – als Hoffnungsland der modernen Architektur betrachtete. [36]

Ein weiterer direkter Kontakt zu Le Corbusier ergab sich im Herbst 1929 durch das dreimonatige Volontariat des jungen Grazer Architekten Herbert Eichholzer im berühmten Atelier in der Rue de Sèvres 35. Eichholzer implementierte die corbusianische Lehre mit mehreren Einfamilienhäusern für fortschrittliche Grazer Bauherrenfamilien innerhalb Österreichs am konsequentesten. Als Kommunist, der 1943 in Wien hingerichtet wurde, zählte er zu den prominentesten politischen Opfern des NS-Regimes. [37]

1930 kam Jacqueline Groag (eig. Hilde Blumberger, geborene Pick, 1903–86), die an der Wiener Kunstgewerbeschule bei Franz Čižek (1865–1946) und Josef Hoffmann studiert hatte, nach Paris und lieferte Textilmuster für die Modehäuser Chanel, Lanvin, Rodier, Elsa Schiaparelli und Paul Poiret. 1937 heiratete sie Jacques Groag (1892–1962), einen zeitweisen Mitarbeiter von Paul Engelmann (1891–1965) sowie des Ateliers von Franz Singer (1896–1954) & Friedl Dicker (1898–1944), der sich bereits 1926 für die Mitarbeit bei der Planung des Hauses Tzara von Adolf Loos in Paris aufgehalten hatte. Das Ehepaar Groag lebte in Wien, bevor es 1938 nach Prag und weiter nach London floh. [38]
Schweden ab 1917: Josef Frank und Leonie Pilewski-Karlsson
Die nordischen Länder galten stets als liberal, demokratisch und fortschrittlich. In Dänemark, Schweden, Norwegen und Finnland (seit 1917 unabhängig von Russland) wurde die Verbreitung der modernen Architektur und des modernen Designs seit den 1920er Jahren von Pionieren wie Alvar Aalto (1898–1976), Gunnar Asplund (1885–1940), Sven Markelius (1889–1972), Sigurd Lewerentz (1885–1975), Arne Jacobsen (1902–71) und Sverre Fehn (1924–2009) vorangetrieben. Besonders in Schweden boten Wohlstand und Aufgeschlossenheit der Gesellschaft gute Chancen auch für Architekt*innen und Designer*innen aus dem Ausland. Da Schweden im Ersten und im Zweiten Weltkrieg neutral war, wurde es zu einem der wichtigsten Zielländer europäischer Fluchtbewegungen.

Die österreichische Moderne konnte sich bereits während des Ersten Weltkriegs in Stockholm in einer großen Schau präsentieren: 1917 wurde in der Liljevachs Kunsthalle die Österrikisk Konstutställning veranstaltet, die Malerei, Grafik und Kunstgewerbe zeigte und in rund 600 Werken fast alle Pioniere der Wiener Moderne vorstellte. [39] 1930 brachte die Stockholmsutställningen mit zahlreichen Modellbauten für Wohnung und andere Bauaufgaben nach dem Vorbild der mitteleuropäischen Werkbundausstellungen eine weitergehende Etablierung der modernen Architektur in Schweden.
Unter den österreichischen Architekten und Designerinnen lebte und arbeitete ab 1934 Josef Frank und ab 1938 Leonie Pilewski-Karlsson (1897–1992) dauerhaft in Schweden. Josef Frank war das intellektuelle und künstlerische Haupt der Wiener Architekturmoderne in der Zwischenkriegszeit. [40] Sein komplexes Werk und seine Beziehungen zu Schweden wurzeln in den lebensreformerischen und kulturkritischen Strömungen vor dem Ersten Weltkrieg. Frank entstammte einer gutbürgerlichen jüdischen Familie, die u.a. im Textilhandel und in der Papierindustrie gut vernetzt war und ausgeprägte künstlerische, intellektuelle und kosmopolitische Neigungen besaß. Wie Oskar Strnad und Oskar Wlach (1881–1963), seine älteren Kollegen und Büropartner der Jahre 1913–18, verfasste er nach seinen Studien bei Karl König (1841–1915) eine architekturhistorische Dissertation. Franks Studie Über die ursprüngliche Gestalt der kirchlichen Bauten des Leone Battista Alberti wurde 1910 an der Technischen Hochschule Wien approbiert. Sein Bruder Philipp (1884–1966) war Mitglied des bekannten positivistischen „Wiener Kreises“ und Nachfolger Albert Einsteins auf dem Lehrstuhl für theoretische Physik an der Deutschen Universität in Prag. Franks Schwester Hedwig (1887–1966), für die er eine Wohnung einrichtete, war mit Karl Tedesko (1874–1945), einem Direktor der Papierfabrik Bunzl & Biach verheiratet. Für dieses Unternehmen konnte Frank ab 1914 in Ortmann eine Villa des Eigentümers, 1919–20 eine Arbeitersiedlung und 1921 einen Kindergarten errichten. Ab 1916 entwarf Frank auch Textildesigns für die Wiener Werkstätte.

Auftraggeber wie diese waren die Träger der Lebensreformbewegung, die unter anderem auch die Befreiung und Ertüchtigung des Körpers propagierte. Unter den seit 1900 zahlreich entstehenden Sportvereinen, Tanz- und Turnschulen fand sich auch die „Erste Schwedische Privat-Turnschule“ von Esther Strömberg (1873–1944) am Wiener Fleischmarkt. Josef Frank übernahm 1910 die Gestaltung der Innenräume. An diesem Institut wirkte auch die Pianistin und Musikpädagogin Anna Regina Sebenius (1880–1957) , die aus einer wohlhabenden schwedischen Familie stammte und Frank 1912 heiratete. Annas Netzwerk verschaffte Frank 1919 erste Aufträge für Wohnungseinrichtungen in Schweden.

Ab 1924 errichtete er sechs Sommervillen im eleganten südschwedischen Badeort Falsterbo. In Österreich engagierte sich Frank im sozialen Wohnbau und plante Siedlungen sowie Geschosswohnhäuser für die Stadt Wien. Parallel plante er großzügige und innovative private Wohnhäuser für wohlhabende Bauherren, [41] schrieb architekturtheoretische Studien und arbeitete führend im Österreichischen Werkbund mit. Gemeinsam mit seinem Studienkollegen und zeitweisen Büropartner Oskar Wlach gründete er 1925 das Einrichtungsgeschäft Haus & Garten, das von Gebrauchsgegenständen über Möbel und Textilien bis zur Bauplanung komplette moderne Wohnumwelten aus einer Hand erfolgreich anbot. [42]

Als ausgeprägter Kosmopolit war Frank stets innig mit den internationalen Netzwerken führender moderner Architekten wie Le Corbusier und Mies van der Rohe verbunden. Dies manifestierte sich unter anderem 1926/27 in der Einladung Mies van der Rohes an Frank, zwei Wohnhäuser samt Einrichtung in der Werkbundsiedlung am Weißenhof in Stuttgart zu entwerfen. 1929–32 plante Frank das Pendant der Wiener Werkbundsiedlung und lud dazu ebenfalls ansässige sowie internationale moderne Architekten ein. [43] 1928 war er das einzige österreichische Gründungsmitglied der von Le Corbusier initiierten Congrès Internationaux d’Architecture Moderne (CIAM). Deren Sekretär war Gabriel Guevrekian, ein ehemaliger Schüler Franks an der Wiener Kunstgewerbeschule.

Ab 1934 arbeitete Frank schließlich in Stockholm für das Einrichtungshaus Svenskt Tenn von Estrid Ericson (1894–1981), das – ähnlich Franks eigenem Unternehmen Haus & Garten in Wien – gediegene moderne Einrichtungen von Wohnhäusern aus einer Hand anbot. Bis heute produziert es erfolgreich Franks wegweisende Stoff- und Möbelentwürfe. [44] Das Ende des Roten Wien 1933 und die Errichtung der österreichischen Kanzlerdiktatur veranlassten Frank, ab 1934 in Schweden zu bleiben und 1939 die schwedische Staatsbürgerschaft anzunehmen. Die Bedrohung des neutralen Landes nach der deutschen Besetzung Norwegens bewog ihn, 1941–49 vorübergehend im New Yorker Exil zu leben, wo er Kommentare zur laufenden Kunstdebatte veröffentlichte sowie ideale Hochhäuser und Städtebauprojekte für Manhattan entwarf. So hatte sich Frank als einer der wenigen wahrhaft kosmopolitischen Architekten und Designer Österreichs des frühen 20. Jahrhunderts etabliert, die in mehreren Kulturen zu den Grundlagen der Moderne beitragen konnten.

Leonie Pilewski-Karlsson war (als Frau) eine Pionierin unter den Wiener Architekturschaffenden. Mit Josef Frank ist sie durch dessen Einladung verbunden, in der Wiener Werkbundsiedlung die beiden Häuser des deutschen Architekten Hugo Häring (1882–1958) einzurichten.

Weil die Technische Hochschule in Wien vor 1919 keine Frauen als ordentliche Hörerinnen zugelassen hatte, absolvierte sie 1917–22 ein Architekturstudium an der Technischen Hochschule Darmstadt. Nach der Mitarbeit an diversen Siedlungsprojekten in Deutschland lebte Pilewski 1926–28 in Moskau, wo sie die aktuelle sozialistische Baupolitik untersuchte und in Baugenossenschaften an ihr mitwirkte. Nach ihrer Rückkehr berichtete sie darüber in Zeitschriften wie Das neue Frankfurt, Die Form, Die Wohnungsreform sowie in der Wiener Arbeiterzeitung. [45] Weiterhin international orientiert, nahm sie 1928 und 1930 an den CIAM-Kongressen II und III teil und etablierte sich als schreibende Architektin.

1938 floh sie aus Wien über die Schweiz nach Schweden, heiratete und lebte dort fortan als Malerin. 1949 zeigte die Liljevachs-Kunsthalle in Stockholm eine Personale ihrer Bilder. [46]
Expressive Inszenierungskunst: Clemens Holzmeister in Düsseldorf, 1928–33
Neben den Avantgardezentren in Berlin sowie im Umkreis des Bauhauses in Weimar und Dessau war das katholische Rheinland ein völlig anders orientierter Brennpunkt der modernen Architektur Deutschlands. Einen Schwerpunkt bildete hier die moderne Sakralarchitektur an der Wende vom Expressionismus zur Sachlichkeit, wie sie Otto Bartning (1883–1959), Dominikus Böhm (1880–1955) und Rudolf Schwarz (1897–1961) realisierten. 1928 berief die traditionsreiche Düsseldorfer Kunstakademie den Tiroler Architekten Clemens Holzmeister als Professor und Leiter einer Meisterklasse für Architektur. Der katholische Burschenschafter Holzmeister hatte 1914–19 als Assistent an der Technischen Hochschule Wien gewirkt und 1919–24 an der Staatsgewerbeschule Innsbruck gelehrt. Mit den expressionistischen Bauten der Pfarrkirche Batschuns in Vorarlberg (1921–23) und der Helden-Dankkirche in Bregenz (1921–31) hatte er sich schon früh als einer der führenden jungen Kirchenarchitekten Österreichs etabliert.

Die quasi-sakrale neue Bauaufgabe des Krematoriums (Feuerhalle in Wien, 1921–25) machte ihn schließlich international weithin bekannt. Neben Peter Behrens‘ 1905–07 errichtetem Eduard Müller-Krematorium in Hagen-Delstern und der 1926–29 erbauten Feuerhalle in Brünn von Arnošt Wiesner (1890–1971) zählte Holzmeisters Wiener Lösung dieses Bautyps zu den innovativsten. Er verstand es, die Spitzbogen- und Zinnenmotive des Spätmittelalters und der Renaissance, wie er sie aus den heimatlichen Städten des Inntals kannte und wie sie auch am Bauplatz der Wiener Feuerhalle beim ehemaligen Jagdschloss Kaiser Maximilians II. erhalten waren, auf einfache „moderne“ Grundformen zu reduzieren. Als eine Art Weihemotiv verwendete er dieses Element in mystisch inszenierten Innenräumen sowie Außenanlagen. Dieser Erfolg brachte ihm 1924 die Berufung an die Wiener Akademie der bildenden Künste ein. [47]

Auch die Wirkung Holzmeisters auf die Sakralarchitektur in West- und Norddeutschland während seiner ab 1928 parallel ausgeübten Professur in Düsseldorf ist beträchtlich. Geschickt kombinierte er reduzierte Formen des Mittelalters (Rundbögen der rheinischen Romanik) mit lokalen Materialien (Sichtziegel) und entwarf die Innenräume als bühnenbildartige Inszenierungen mit gezielten Lichtführungen von oben. Beispiele dafür sind die Pfarrkirchen St. Agatha in Merchingen im Saarland, (1928/29), St. Maria Himmelfahrt – Maria Grün in Hamburg-Blankenese (1929–30), St. Adalbert in Berlin (1930–33) sowie St. Peter in Mönchengladbach-Waldhausen (1932–33). [48] Heinz Thoma (1904–94), Holzmeisters Assistent an der Düsseldorfer Akademie, führte mit seinem Mutterhaus der Elisabethschwestern in Essen-Schuir (1932–35) und zahlreichen weiteren Kirchenbauten diese neuartige Formensprache weiter. [49]

1933 wurde die Düsseldorfer Episode Holzmeisters von den Nationalsozialisten beendet. Nach dem „Anschluss“ Österreichs an NS-Deuschland 1938 musste er als prominenter Repräsentant des christlich-sozialen „Ständestaats“ auch aus Wien fliehen. Die Kriegsjahre verbrachte er in der neutralen Türkei, wo er umfangreiche offizielle Bauaufgaben in der entstehenden Hauptstadt Ankara übernahm sowie 1939–49 auch als Professor an der Technischen Hochschule Istanbul wirkte. [50]
Bernard Rudofsky und Ilse Bernheimer ab 1932 in Italien
Der italienische Faschismus unter Benito Mussolini betrieb seit dem „Marsch auf Rom“ 1922 eine Neuordnung des Staates sowie Italiens imperialistische Ausdehnung durch Kriege in Nord- und Ostafrika. Außerdem wurde eine harsche Italianisierungspolitik gegenüber Minderheiten wie der deutschsprachigen in Südtirol verfolgt. Antisemitische Gesetze wurden aber erst 1939 erlassen und Deportationen von Juden erst von der deutschen Besatzung 1943–45 durchgeführt. Bis dahin blieb Italien – nahezu ungeachtet des Regimes – weiterhin ein bevorzugtes Ziel für Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt. Auch die italienische Avantgarde mit dem Futurismus, der Pittura Metafisica und dem Rationialismus in der Architektur schien international vorbildlich und wurde vom Regime oft gefördert. Zudem bot Italien mit temporären Präsentationen wie der Internationalen Kunstausstellung in Rom 1911 sowie wiederkehrenden Großveranstaltungen wie der Biennale in Venedig (ab 1893) und der Triennale in Mailand (ab 1933) stets repräsentative Bühnen für die europäische Avantgarde. 1934 errichteten Josef Hoffmann und Robert Kramreiter (1905–65) dafür den Österreichischen Pavillon in den Giardini von Venedig. [51]

Italien war aber stets auch ein bevorzugter Aufenthaltsort für Reformkünstler, die alternative Lebensweisen anstrebten. Anstelle der klassischen Kultur erforschten sie etwa das christliche Quattrocento (z.B. die Nazarener im frühen 19. Jahrhundert in Rom) oder entdeckten die naturnahe, „vernakuläre“ mediterrane Zivilisation (z.B. Josef Hoffmann mit seinen Studien der einfachen kubischen und weiß getünchten Häuser auf der Insel Capri [52] ). Auch der Wiener Architekt Bernard Rudofsky (1905–88) sah Italien als idealen Ort für die Verwirklichung seiner zivilisationskritischen und lebensreformatorischen Ideen. [53]

Bereits während und kurz nach seinem Studium an der Technischen Hochschule Wien (1922–28) unternahm er ausgedehnte Studienreisen nach Bulgarien, Frankreich, Griechenland, Italien, Jugoslawien und in die Türkei. Immer mehr begeistert von vormodernen Umweltgestaltungen, schrieb er 1931 seine Dissertation über Eine primitive Betonbauweise auf den südlichen Kykladen, nebst dem Versuch einer Datierung derselben. 1932–35 lebte er auf den Inseln Capri und Procida im Golf von Neapel, wo er in Idealentwürfen jenen mediterranen Hofhaustyp entwickelte, den er später etwa in Brasilien realisieren sollte. In einem Terrassenhaus an einem Steilhang in Neapel-Posillipo, das er 1934–37 gemeinsam mit Ingenieur Luigi Cosenza für den Arzt Augusto Oro errichtete, fungierte eine großzügige Loggia als Wohnraum im Freien. [54]

Ab 1937 arbeitete Rudofsky mit Gio Ponti (1891–1979) zusammen, der 1928 die einflussreiche Architekturzeitschrift domus gegründet hatte. Gemeinsam entwarfen sie unter anderem ein Albergo nel bosco für die Insel Capri. 1938 verließ Rudofsky unter dem Eindruck des „Anschlusses“ Österreichs an NS-Deutschland gemeinsam mit seiner Frau Berta Europa und reiste nach Brasilien. Nach Aufenthalten in Rio de Janeiro und São Paulo sowie der Realisierung von drei privaten Wohnhäusern mit Wohnhöfen und Loggien wurde er 1941 als einer der Gewinner eines Designwettbewerbs des Museum of Modern Art nach New York eingeladen, wo er fortan blieb. [55]

Auch die Wiener Malerin, Innenarchitektin und Bühnenbildnerin Ilse Bernheimer (1892–1985) zog in den 1930er Jahren nach Italien. 1908–16 hatte sie an der Wiener Kunstgewerbeschule u.a. bei Franz Čižek, Alfred Roller, Kolo Moser und Oskar Kokoschka (1886–1980) studiert. 1926–27 war sie Privat-Assistentin von Oskar Strnad und erarbeitete für ihn szenografische Entwürfe. 1932 richtete sie ein Haus von Anton Brenner in der Wiener Werkbundsiedlung ein. Da sie einer jüdischen Bankiersfamilie aus Triest entstammte, flüchtete sie nach dem „Anschluss“ 1938 aus Wien mit ihrer Familie in die ehemalige österreichische Hafenstadt. 1940–43 lebte sie im Friaul, 1943–46 in Rom und 1946–50 wieder im Friaul, bevor sie sich 1950 endgültig in Venedig ansiedelte. [56]
Zentrale Positionen der Moderne
Der Überblick über die Emigration und die Flucht von Architekt*innen und Designer*innen aus Österreich in Länder Kontinentaleuropas 1900–45 zeigt, dass Künstler*innen aus Wien wesentliche Positionen der internationalen Moderne mitformulierten. Josef Hoffmanns Aktivitäten als Mitbegründer des Deutschen Werkbundes sowie als Architekt des Palais Stoclet in Brüssel (1904–11), der Österreich-Häuser auf der Werkbundausstellung in Köln 1914 und der Exposition internationale des arts décoratifs et industriels modernes in Paris 1925 prägten das internationale Art Déco. Adolf Loos demonstrierte dem internationalen Publikum sein Ideal gediegenen modernen und urbanen Kultur unter anderem durch das Haus Tzara in Paris (1925/26), die Einrichtung des Salons Kniže in Paris (1928) und durch Wohnhäuser und Einrichtungen in der jungen tschechoslowakischen Republik. Seine Erfindung des Raumplans (als Alternative zu Le Corubsiers Plan libre) wurde von seinen Mitarbeitern und Privatschülern in mehreren Ländern Europas und der Welt verbreitet. In Berlin realisierten die Loos-Schüler Ernst Freud und Richard Neutra innovative Wohnhäuser, die auch psychologische Aspekte in die Planung einbezogen und damit eine weitere Tradition der Moderne mitbegründeten. Der ökonomisch und räumlich optimierte soziale Wohn- und Siedlungsbau der Moderne wurde unter anderen von Franz Schuster, Margarete Lihotky und Leopold Fischer mitformuliert. Die undogmatisch-lebensnahe, „akzidentistische“ Lehre Josef Franks trug durch seine schwedischen Bauten, aber vor allem durch seine Textil- und Möbeldesigns wesentlich zur Entstehung des weltweit erfolgreichen skandinavischen Designs bei. Und Bernard Rudofskys Bauten, Projekte und Schriften verbreiteten von Italien aus die Idee einer modernen Lebensweise jenseits der gängigen Industrie- und Konsumkultur des Westens. Diese Lehre avancierte ab 1945 zur Grundlage der meisten alternativen Konzepte der Umweltgestaltung.
Diese sechs Positionen zählen gemeinsam mit dem Konstruktivismus von El Lissitzky und Vladimir Tatlin, der Standardisierungsforderung von Walter Gropius und Teilen des Bauhauses, der nautisch-skulpturalen Baukunst von Le Corbusier und seinem Kreis, dem Elementarismus von Theo van Doesburg und der Stijl-Gruppe sowie dem Rationalismus von Giuseppe Terragni und Adalberto Libera zum Kernprofil der klassisch-modernen Architektur.
Anmerkungen
[1] VIII. Ausstellung mit 15 Werken von Charles Rennie Mackintosh und 7 Werken von Margaret McDonald-Mackintosh, 1900; IX. Ausstellung mit 14 Werken von Auguste Rodin, 1901; XIX. Ausstellung mit 31 Werken von Ferdinand Hodler, 1904
[2] Matthias Boeckl, Von der Lebensreform zum bürgerlichen Alltag. Die Villenkolonie auf der Hohen Warte, in: Christoph Thun-Hohenstein, Matthias Boeckl, Rainald Franz, Christian Witt-Dörring (Hg.), Josef Hoffmann 1870–1956. Fortschritt durch Schönheit, Basel (Birkhäuser) 2021, S. 52–61
[3] Ralf Beil, Regina Stephan (Hg.), Joseph Maria Olbrich 1867-1908. Architekt und Gestalter der frühen Moderne, Berlin (Hatje Cantz) 2010
[4] Ernst Mautner, Das Warenhaus Tietz in Düsseldorf, in: Armierter Beton, August 1909, S. 303–313
[5] Otto Wagner, Joef Olbrich, in: Die Zeit, 14. 8. 1908, S. 1–2
[6] Heinz Spielman, Carl Otto Czeschka. Ein Wiener Künstler in Hamburg, Hamburg (Wallstein) 2019
[7] Matthias Boeckl, Baukunst aus Reformgeist. Die Architekturschule der Angewandten, in: Gerald Bast (ed.), Ästhetik der Veränderung. 150 Jahre Universität für angewandte Kunst Wien, Berlin (de Gruyter) 2017, 44-65
[8] Harriet Roth, Richard Neutra in Berlin. Die Geschichte der Zehlendorfer Häuser, Berlin (Hatje Catz) 2016, S. 40–51
[9] Roth 2016
[10] Christian Welzbacher, Kiesler’s Berlin (1921–26), Theater and the November Group, „Arriving Monday with Finished Sketches“, in: Peter Bogner, Gerd Zillner, Frederick Kiesler: Face to Face with the Avant-Garde. Essays on Network and Impact, Basel (Birkhäuser) 2019, S. 53-66
[11] Friedrich Kiesler, Das Theater der Zeit, in: Berliner Tageblatt, 1.6.1923, S. 2–3
[12] Matthias Boeckl, Treibhaus der Moderne: Architekturausbildung an der Wiener Kunstgewerbeschule 1899–1945, in: Kunstgewerbeschulen: Wegbereiter einer neuen Architekturlehre, ed. Christiane Fülscher, Christiane Salge, Anna-Sophie Laug, online, Heidelberg, arthistoricum.net, 2027
[13] Volker M. Welter, Exiled in L.A.: The Untold Story of Leopold Fischer’s Domestic Architecture, Los Angeles (Getty Publications) 2025
[14] Helen Barr, Ulrike May, Rahel Welsen, Das Neue Frankfurt, Frankfurt (B3) 2007
[15] Inge Scheidl, Anton Brenner, in: Architekturzentrum Wien (ed.), Architektenlexikon. Wien 1770-1945, online, architektenlexikon.at, 2003–13
[16] Herbert Sommer (ed.), Franz Schuster 1892–1972, Wien (Hochschule für angewandte Kunst) 1976
[17] Marcel Bois, Bernadette Reinhold (Hg.), Margarete Schütte-Lihotzky. Architektur. Politik. Geschlecht. Neuen Perspektiven auf Leben und Werk, Basel (Birkhäuser), 2019
[18] Thomas Flierl, Margarete Schütte-Lihotzkys sowjetische Jahre, in: Bois/Reinhold 2019, S. 100–125
[19] Carmen Trifina, Margarete Schütte-Lihotzky und ihre Kindergärten. Ein architektonischer Überblick und Analyse, Diplomarbeit, Technische Universität, Wien 2024, S. 80–117
[20] Trifina 2024, S. 118–121
[21] Elisabeth Boeckl-Klamer, Margarete Schütte-Lihotzkys Kampf gegen das NS-Regime, in: Bois/Reinhold 2019, S. 238–251
[22] Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW), Namentliche Erfassung der österreichischen Holocaustopfer, online, doew.at
[23] Matthias Boeckl, Österreichische bildende Künstler:innen in Frankreich (20. Jh.), in: Dictionnaire des échanges culturels Autriche-France (DECAF), online, 2024
[24] Cécile Poulot, Adolf Loos: un architecte au carrefour de l’Europe (1870-1933), Paris (Herman) 2024
[25] Heinrich Kulka, Adolf Loos: Das Werk des Architekten, Wien (Schroll) 1931
[26] Adolph Stiller (ed.), Heinrich Kulka. Der Raumplan als Entwurfsmethode, Salzburg (Müry Salzmann) 2025
[27] Sonja Pisarik (Hg.), Walter Loos, Fridl Loos, Hermann Loos – paraíso argentino, Wien (Architekturzentrum) 2006
[28] Markus Kristan, L’Autriche à Paris 1925 : Österreich auf der Kunstgewerbeausstellung in Paris, Weitra (Bibliothek der Provinz) 2018
[29] Christoph Thun-Hohenstein, Dieter Bogner, Maria Lind und Bärbel Vischer (ed.), Friedrich Kiesler. Lebenswelten, Basel (Birkhäuser) 2016
[30] Friedrich Kiesler, Manifest. Vitalbau-Raumstadt-funktionnelle Architektur, in: De Stijl, 6. Jg., Nr. 10-11, 1925, S. 436–438
[31] Christoph Thun-Hohenstein, Dieter Bogner, Maria Lind und Bärbel Vischer (ed.), Friedrich Kiesler. Lebenswelten, Basel (Birkhäuser) 2016
[32] Laura McGuire, Frederick Kiesler and Theo van Doesburg, in: Peter Bogner, Gerd Zillner, Frederick Kiesler: Face to Face with the Avant-Garde. Essays on Network and Impact, Basel (Birkhäuser) 2019, S. 151–164
[33] André Breton, Marcel Duchamp (Hg.), Exposition internationale du Surréalisme, Le Surréalisme en 1947, Ausstellungskatalog, Paris (Galerie Maeght) 1947
[34] Matthias Boeckl, Zwischen Fläche und Raum. A(rchi)tektonische Erfindungen im Palais Stoclet, in: Thun-Hohenstein 2021, S. 139–144
[35] Hamed Kosravi, The Elusive Modernist. Gabriel Guevrekian, Berlini (Hatje Cantz) 2020
[36] Peter Wyeth, The Lost Architecture of Jean Welz, Los Angeles (DoppelHouse Press) 2022
[37] Antje Senarclens de Grancy, Heimo Halbrainer, Totes Leben gibt es nicht. Herbert Eichholzer, 1903–1943. Architektur, Kunst, Politik, Wien (springer) 2004
[38] Ursula Prokop, Jacques and Jacqueline Groag, architect and designer: two hidden figures of the Viennese modern movemen, Los Angeles (DoppelHouse Press) 2019
[39] Österrikisk Konstutställning, Liljevachs Konsthall, Katalog No.8, Stockholm (Broderna Lagerström), September 1917
[40] Neuere Beispiele aus der umfangreichen Josef Frank-Literatur: Maria Welzig, Josef Frank (1885-1967). Das architektonische Werk, Wien/Köln/Weimar (Böhlau) 1998; Tano Bojankin, Christopher Long und Iris Meder, Josef Frank. Schriften, 2 Bände, Wien (Institut für posttayloristische Studien) 2012; Christoph Thun-Hohenstein, Hermann Czech, Sebastian Hackenschmidt (Hg.), Josef Frank – against design: das anti-formalistische Werk des Architekten, Basel (Birkhäuser) 2016
[41] Lothar Trierenberg (Hg.), Villa Beer, Wien (Villa Beer Foundation) 2026, mit einem Text von Franziska Leeb
[42] Christopher Long, The other modern dwelling: Josef Frank and Haus & Garten, Minneapolis (Center for Austrian Studies) 1999
[43] Andreas Nierhaus, Werkbundsiedlung Wien 1932: ein Manifest des neuen Wohnens, Wien (Wien Museum) 2012
[44] Kristina Wängberg-Eriksson, Josef Frank als Chefdesigner bei Svenskt Tenn in Stockholm, 1933–1967, in: Thun-Hohenstein 2916, S. 292–317
[45] Leonie Pilewski, Moderne Bauten in Moskau. In Das neue Frankfurt, 2. Jahrgang 1928, S. 86–90
[46] Leonie Pilewski-Karlsson, Ausstellungskatalog, Midsommargården, Liljevalchs konsthall, Stockholm 1949
[47] Christoph Hölz (Hg.), Gibt es eine Holzmeister-Schule? Clemens Holzmeister, 1886–1983, und seine Schüler, Innsbruck (University Press) 2015
[48] Clemens Holzmeister, Kirchenbau – ewig neu: Baugedanken und Beispiele, Innsbruck (Tyrolia) 1951
[49] Neue Arbeiten von Architekt Heinz Thoma, Düsseldorf, in: Baumeister 1939, S. 228-235; Düsseldorfer Architekten: Dr. Beucker, Dr. Hentrich & Hans Heuser, Hans Junghanns, Hanns Leisten & Hans Rouette, Ph.W. Stang, Heinz Thoma, Roland Weber, F.G. Winter, Ausstellungskatalog, Düsseldorf (Schwann) 1948
[50] Bernd Nicolai, Moderne und Exil: deutschsprachige Architekten in der Türkei 1925–1955, Berlin (Verlag für Bauwesen) 1998; Barbara Humpeler, Clemens Holzmeister und die Türkei, Salzburg (Pustet) 2008
[51] Rainald Franz, Österreichs ästhetische Selbstdarstellung. Der Pavillon in Venedig 11933-1934, in: Thun-Hohenstein 2021, S. 365–370
[52] Josef Hoffmann, Architektonisches von der Insel Capri. Ein Beitrag für malerische Architekturempfindungen, in: Der Architekt III, 1897, S. 13–14
[53] Andrea Bocco-Guarneri, Bernard Rudofsky. A humane designer, Wien (Springer) 2003
[54] Inken Baller, Villa Oro: Luigi Cosenza, Bernhard Rudowsky, 1937, Neapel, Berlin (Westkreuz) 2008
[55] Bernard Rudofsky, Are Clothes Modern?, Chicago (Paul Theobald) 1947
[56] Ilse Bernheimer, Ausstellungskatalog, Rom (Istituto Austriaco di Cultura) 1970