Im Juni 1955 arbeitete Herbert Boeckl weiter an seinem großen Freskenzyklus in der Engelkapelle der Abtei Seckau in der Steiermark (1952–1960). Sein Assistent Claus Pack (1921–1997) und der Lyriker und Kunsthistoriker Klaus Demus (1927–2023) hielten ihn über den aktuellen Wiener Kunstbetrieb am Laufenden. Demus zählte zum engeren Freundeskreis um Herbert Boeckl. Er war eine bekannte Figur im Wiener Kunst- und Literaturleben der Nachkriegszeit und war auch eng mit dem Dichter Paul Celan (1920–1970) befreundet. Celan (eig. Paul Antschel) stammte aus Czernowitz, überlebte den Holocaust in der Bukowina und der Walachei und hielt sich 1947/48 in Wien auf, bevor er nach Paris ging. Seine Gedichte veröffentlichte er unter anderem 1950 in Max Hölzers und Edgar Jenés Surrealistischen Publikationen (S. 66/67).

Klaus Demus berichtete an Boeckl über zwei Ausstellungen: Von 1. Juni bis 3. Juli 1955 fand im Wiener Künstlerhaus die Schau „10 Jahre Malerei und Plastik in Österreich“ statt. Und von 6. Juni bis 6. Juli 1955 war im Museum für angewandte Kunst die Festwochen-Ausstellung „Europäische Kunst – gestern und heute“ zu sehen.

Die Ausstellung „10 Jahre Malerei und Plastik in Österreich“ wurde vom „Institut zur Förderung der Künste“ unter Manfred Mautner Markhof veranstaltet und präsentierte 130 Exponate von 117 zeitgenössischen österreichischen Künstlerinnen und Künstlern, darunter Otto Beckmann, Wander Bertoni, Herbert Boeckl, Oskar Bottoli, Fritz Fröhlich, Johann Fruhmann, Alois Heidel, Anton Lehmden, Heinz Leinfellner, Josef Mikl, Agnes Muthspiel, Fritz Riedl, Johanna Schidlo, Gerhard Swoboda und Grete Yppen. Die Ausstellung wurde von 3028 Interessierten besucht und Werke im Gesamtwert von S 10.000 verkauft.
Klaus Demus kritisiert in seinem Bericht die eher beliebig wirkende Zusammenstellung und die avantgardekritische Haltung der Kuratoren, hebt jedoch Boeckls Werke hervor: „Die hl. Therese (Abb. siehe oben) ist prämiert worden. Ganz ausgezeichnet hängt der Dominikaner, man sieht ihn durch den Türbogen von weitem als einziges Bild in dem kleinen Raum, seine Wirkung ist außerordentlich. Sonst ist die Ausstellung eine Katastrophe, Prämiertes und nicht Prämiertes – schlechter als man sich’s wünschen kann. Reinlich sind nur Schidlo, Riedl, vielleicht noch Mikl und Lehmden. In der Plastik ist’s noch ärger, ein Kopf von Wotruba ist glücklicherweise als Maßstab da. Rainer und Lassnig wurden schon bei der Vorauswahl abgelehnt, Pillhofer ist gar nicht eingeladen worden. Wie gut, daß der Copertino nicht in dieser Gesellschaft ist, die hl. Therese und der Dominikaner machen sich durch ihre Augenfälligkeit und ihre Eindeutigkeit ganz von selbst die Distanz.“

Die Festwochen-Ausstellung „Europäische Kunst – gestern und heute“ setzte im Museum für angewandte Kunst den internationalen Kontrapunkt zur Österreich-Schau im Künstlerhaus. Sie wurde vom Amt für Kultur und Volksbildung der Stadt Wien veranstaltet. Kurator war Ludwig Münz, der Direktor der Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste. Die Schau war „entwicklungsgeschichtlich“ konzipiert, begann mit dem Impressionismus und führte bis herauf zur Gegenwart.
„Die vordergründige Verwirrung muß erst ihren Lauf bis zu Ende nehmen, bis der Weg der notwendigen Einkehr beschritten werden kann.“
Gezeigt wurden unter anderem Werke von Archipenko, Barlach, Beckmann, Braque, Cézanne, Chagall, Corinth, Degas, Ensor, Ernst, Gauguin, Hodler, Hofer, Kandinsky, Kirchner, Klee, Kokoschka, Kollwitz, Kubin, Léger, Lehmbruck, Liebermann, Manet, Macke, Maillol, Marc, Matisse, Miró, Munch, Nolde, Picasso, Redon, Renoir, Rodin, Rouault, Tanguy, Toulouse-Lautrec und Van Gogh.

Klaus Demus beschreibt die Ausstellung in seinem Brief an Boeckl wie folgt: „Die große ‚europäische‘ Ausstellung im Kunstgewerbemuseum zeigt bei aller Gemischtheit ein paar schöne Bilder: einen herrlichen späten Mont Sainte-Victoire, den Wiener Van Gogh, einen frühen Kandinsky. Der Cézanne allein lohnt schon die Ausstellung. Die Deutschen sind ganz offensichtlich das, was sie sind, und es mag gut sein, daß hiemit der Mythos von deutschen Expressionismus ein wenig zerstört wird. Von Picasso sind nur schwache Beispiele da (außer einer frühen Zeichnung), Léger ist etwas besser, Matisse sehr schlecht. Im Ganzen ist das 19. Jhdt. gut vertreten, auch da hauptsächlich nur durch die Leihgaben von der Albertina. Von der österreichischen Kunst sind nur die zwei ‚international bekannten‘ Namen Kokoschka und Kubin vertreten, ein merkwürdiger Gesichtspunkt …“


Über die Besprechung der beiden Ausstellungen hinaus präsentiert Klaus Demus in seinem Brief an Boeckl auch kunsttheoretische Überlegungen zu dessen Werk: „Wir alle erwarten und erhoffen uns noch so viel von Ihrem weiteren Werk. Ich sehe die Zeit schon kommen, wo das, was Sie ausgesät haben, aufgehen wird – vielleicht nicht so bald, aber mit größter Mächtigkeit. Wahrscheinlich muß eine Zeit vergehen, bis man hinter den Bildern auch die Lehre sehen kann, die sie verkörpern. Aber ich glaube fest, daß nichts verloren gehen kann und alles in die Wirkung heraustreten wird. Deshalb, weil eine Zeit notwendig ist, fürchte ich, daß Sie sich zu früh nach einem allgemeinen neuen Ansatz in der österreichischen Malerei umsehen; die vordergründige Verwirrung muß erst ihren Lauf bis zu Ende nehmen, bis der Weg der notwendigen Einkehr beschritten werden kann. Schlimm stünde es nur, wenn es Sie nicht gäbe, aber die Existenz Ihrer Werke ist ein felsenfester Kredit für die künftige Entwicklung. Ich glaube, das wichtigste für unser aller Erwartung in ihr weiteres Werk wären Ölbilder – ‚Erdeleben (?)-Bilder‘, Korrekturen des modernen Bewußtseins durch innerkünstlerische, malerische Inhalte, also ein Festschrauben im Grund, ein Aufreißen des Himmels im Erdgestein, das Einpflanzen der Sensationen Kandinskys in eine neue, vom Geist gepflügte Wirklichkeit.“

