Herbert Boeckls Entwurf zum Eisernen Vorhang der Wiener Staatsoper, 1954

Die Wiener Hofoper wurde 1861–1869 als erstes öffentliches Monumentalgebäude der Ringstraße nach dem Entwurf der Architekten und Akademieprofessoren Eduard van der Nüll und August Sicard von Sicardsburg errichtet. Am 25. Mai 1869 wurde sie eröffnet. Im Zweiten Weltkrieg wurde die nunmehrige Staatsoper am 12. März 1945 in einem Bombardement der Alliierten schwer beschädigt. Als nationales Symbol der wiedererstandenen Republik wurde sie bis 1955 von den Architekten Erich Boltenstern, Otto Prossinger, Felix Cevela und Ceno Kosak wiederaufgebaut.

Den Schlußstein dieses staatstragenden Kulturbaus bildete der 170 m2 große Eiserne Vorhang. Die bildliche Gestaltung dieser brandsicheren Wand zwischen Bühne und Zuschauerraum prägt die festliche Atmosphäre des Zuschauerraumes bis heute. Die Wahl eines Künstlers für dieses Monumentalbild geriet indes zu einem komplizierten Prozess: „Die Genese der Entwurfsfindung mit insgesamt vier Wettbewerbsdurchgängen, einem nicht friktionsfreien Auswahlverfahren hinter verschlossenen Türen und der kritischen Berichterstattung in den Medien gestaltete sich schwierig“, schrieb Anna Stuhlpfarrer in ihrer 2019 erschienen Studie zum Wiederaufbau der Staatsoper. Architekt Erich Boltenstern schlug für den ersten Durchgang vier Teilnehmer vor: Günther Baszel, Herbert Boeckl, Rudolf Hermann Eisenmenger und Robin Christian Andersen. Er selbst sollte auf Wunsch des zuständigen Ministeriums zusätzlichen einen „dekorativen Entwurf“ ausarbeiten. Staatssekretär Fritz Bock wiederum reklamierte den Maler Robert Fuchs in den Kreis der geladenen Künstler. Als Honorar waren S 5.000 für jeden Teilnehmer vorgesehen. Im Juni 1954 entschied das zuständige Opernbaukomitee gemeinsam mit Boltenstern, in einer zweiten Runde auch die Bühnenbildner Stefan Hlawa, Robert Kautzky und Walter Hoesslin zuzuladen. Ferner wurden mit Henrik Foitik, Othmar Hartmann, Johann Wolfsberger, Fritz Wotruba und Max Weiler weitere Maler und Bildhauer eingeladen, ihre Entwürfe vorzulegen.

Viele dieser Entwürfe, darunter auch jene von Herbert Boeckl, sind in der Wiener Albertina erhalten. Boeckl legte zwei kleinere Entwürfe und einen skizzenhaften großen im Maßstab 1:10 vor:

Herbert Boeckl, Entwurf für den Eisernen Vorhang der Wiener Staatsoper, 1954, Wien, Albertina, Inv. Nr. 32469
Herbert Boeckl, Vorentwurf für den Eisernen Vorhang der Wiener Staatsoper, 1954, Maßstab 1:25, Aquarell und Bleistift, 48,8 x 64,8 cm, Wien, Albertina, Inv. Nr. 32469
Herbert Boeckl, Skizzenhafter Entwurf für den Eisernen Vorhang der Wiener Staatsoper im Maßstab 1:10, 1954, Albertina, Wien, Inv. Nr. 32470
Herbert Boeckl, Skizzenhafter Entwurf für den Eisernen Vorhang der Wiener Staatsoper im Maßstab 1:10, 1954, Albertina, Wien, Inv. Nr. 32470

Zum skizzenhaften Entwurf im Maßstab 1:10 legte Boeckl einen schriftlichen Entwurfsbericht vor:

Das Komitee war in der ersten Runde – so kritisierte Architekt Erich Boltenstern – vorwiegend aus künstlerischen Laien und Beamten zusammengesetzt. Seiner Forderung, in der zweiten Runde auch Künstler in die Entscheidungen mit einzubeziehen, kam man teilweise nach und bat nun auch Architekt Max Fellerer, den Rektor der Akademie der bildenden Künste Robert Eigenberger und Präsident Otto Demus vom Bundesdenkmalamt in die Jury. In seiner Sitzung vom 1. Oktober 1954 kam auch dieses erweiterte Gremium zu keiner eindeutigen Entscheidung, sondern legte dem Ministerium einen Dreiervorschlag mit den Projekten von Eisenmenger, Wolfsberger und Foitik vor. Anna Stuhlpfarrer beschreibt die weiteren Erwägungen der Regierung: „Sektionschef Föhner vom Handelsministerium betonte, »dass man wohl der Moderne entgegenkommen wolle, andererseits jedoch mit Rücksicht auf das Wiener Publikum, das ja noch stark mit dem Bild der früheren Oper verknüpft ist, eine Lösung anstreben müsse, die dem traditionellen Charakter des Hauses, der auch beim baulichen Wiederaufbau eingehalten wurde, entspricht«.“ Schließlich wurden sechs Künstler (Andersen, Eisenmenger, Foitik, Hlawa, Wolfsberger und Wotruba) um Überarbeitung ihrer Entwürfe binnen zehn Tagen gebeten. Boeckl, Kautsky, Hoesslin und Weiler schieden aus dem weiteren Verfahren aus.

In der dritten Juryrunde vom 28. Oktober 1954 – diesmal zusätzlich mit Unterrichtsminister Herbert Drimmel, Handelsminister Udo Illig, Architekt Clemens Holzmeister für den Kunstsenat, Ernst Marboe  für die Bundestheaterverwaltung sowie Josef Krzisch und Erich Föhner für die Bundesgebäudeverwaltung – wurden die Projekte von Andersen, Foitik, Hlawa, Wolfsberger und Wotruba ausgeschieden.

Eisenmenger musste nun in einer vierten und letzten Runde zur Stichwahl gegen den neu hinzugeladenen jungen Maler Wolfgang Hutter und den Salzburger Georg Jung antreten. Der Auftrag wurde schließlich Eisenmenger erteilt, wobei Clemens Holzmeister in die Gestaltung durch die Vorgabe eingriff, dass der Hintergrund monochrom in Gold von den Werkstätten der Bundestheater hergestellt und nicht figural oder landschaftlich gestaltet werden sollte.

Proteste entzündeten sich an der Tatsache, dass Rudolf Hermann Eisenmenger (1902-1994) bereits 1933 der NSDAP beigetreten war, von Adolf Hitler verehrt und angekauft sowie 1944 in die NS-Gottbegnadeten-Liste aufgenommen worden war.  Er vollendete seine Gestaltung des Eisernen Vorhanges zeitgerecht vor der Eröffnung der Staatsoper am 5. November 1955.

Anna Stuhlpfarrer über den Wiederaufbau der Staatsoper

Die Wettbewerbsentwürfe in der Wiener Albertina

Museum in Progress: Über R. H. Eisenmenger

Autor: Matthias Boeckl

Writer, consultant, art & architectural historian