Persönliche Beziehungsnetze sind zentrale Träger der kunsthistorischen Entwicklung. Dies belegt auch die Laufbahn des europaweit einflussreichen Architekten, Designers und Kurators Josef Hoffmann. [1] 1870 als Sohn des Bürgermeisters von Pirnitz/Brtnice in Südmähren geboren, studierte er 1892–94 an der Wiener Akademie der bildenden Künste beim Ringstraßenarchitekten Carl Hasenauer (1833-94) sowie 1894/95 bei dessen Nachfolger Otto Wagner (1841–1918). 1897 zählte er zu den Gründungsmitgliedern der Wiener Secession. Bereits 1899 wurde Hoffmann zum Lehrer an der Wiener Kunstgewerbeschule ernannt, die er gemeinsam mit weiteren Secessionisten zu einem Treibhaus der Moderne umgestaltete. Nahezu 60 Jahre lang wirkte er als eine zentrale Figur der Moderne Österreichs in fünf verschiedenen politischen Systemen.
Otto Wagner und die Netzwerke der frühen Moderne Österreichs
Die erfolgreiche Laufbahn von Josef Hoffmann begann mit dem Eintritt in die Meisterschule von Carl von Hasenauer an der Wiener Akademie. Gemeinsam mit den Kommilitonen Joseph Urban und Joseph Maria Olbrich sowie einigen Schülern des Malers Christian Griepenkerl (Kolo Moser, Leo Kainradl, Max Kurzweil, Gottfried Kempf von Hartenkampff) war der 22-Jährige Mitglied des „Siebener-Klubs“, aus dem später die Secession hervorgehen sollte.
Ein zentrales Fundament von Hoffmanns Karriere waren weiters jene Netzwerke, die sein zweiter Lehrer Otto Wagner, der Begründer der Moderne in Österreich, seit den 1870er Jahren aufgebaut hatte. Wagner war durch die Mitarbeit bei Theophil Hansen und die Errichtung zahlreicher eleganter Mietshäuser in der Ringstraßenzone Wiens zu einem der führenden Architekten der Stadt aufgestiegen.

Zudem gewann er 1892/93 ex aequo mit dem Kölner Stadtplaner Josef Stübben den Wettbewerb für den Wiener Generalregulierungsplan, der erstmals die Leitlinien des rasanten Großstadtwachstums festlegte. Wagners Berufung an die Wiener Akademie der bildenden Künste 1894 war eine Konsequenz aus diesen wegweisenden frühen Projekten. Die einflussreiche akademische Position verschaffte ihm einen starken künstlerischen Einfluss im gesamten österreichischen Teil der Habsburgermonarchie und darüber hinaus.
Ein wichtiger Schauplatz der entstehenden Moderne war die Infrastruktur der Stadt: „Durch einen zur rechten Zeit erfolgten Machtspruch des damaligen Handelsministers Grafen Wurmbrand wurde Otto Wagner (1895) als künstlerischer Beirath in die Verkehrscommission und fast gleichzeitig über Vorschlag des Sectionschefs im selben Ministerium, Wittek, im gleichen Sinne in die Donauregulierungs-Commission berufen.“ [2]

Dieser Bericht der Fachzeitschrift „Der Architekt“ beschreibt den Auftrag an Wagner zur Gestaltung der stadtbildprägenden Hochbauten der Wiener Stadtbahn und der Donaukanalregulierung, die bis heute genutzt und geschätzt werden. [3] Er belegt die Wien-typische enge Verknüpfung zwischen Repräsentanten des technisch-künstlerischen Fortschritts und der liberalen politischen sowie wirtschaftlichen Eliten der späten Monarchie. [4]

In seiner Meisterschule an der Wiener Akademie bildete Wagner zahlreiche Architekten in Sinne der frühen Moderne aus. [5] Alsbald wirkten diese in allen Regionen der österreichischen Hälfte der Doppelmonarchie und darüber hinaus als Gründer der jeweiligen lokalen Moderne sowie eigener Schulen. [6]
Unter diesen günstigen Bedingungen gelang 1897 auch die Gründung der Wiener Secession unter tatkräftiger Förderung der Wiener Stadtregierung unter Karl Lueger [7] und privater Mäzene wie dem Großindustriellen Karl Wittgenstein. Aufgrund seines Ansehens wurde Otto Wagner 1898 unter Erzherzog Rainer (1827-1913) auch in das Kuratorium des k.k. österreichischen Museums für Kunst und Industrie (heute: MAK) berufen.

Rainer, ein Onkel zweiten Grades von Kaiser Franz Josef, war ein engagierter Förderer der Künste in Wien. 1863 hatte er als relativ liberaler Vorsitzender des Ministerrats nach englischem Vorbild das erste Kunstgewerbemuseum mit Kunstgewerbeschule am europäischen Kontinent gegründet. Bis 1898 wirkte er als dessen Protektor.

1874 erwarb Erzherzog Rainer die 1867 von Otto Wagner geplante Villa des gescheiterten Bankiers Gustav von Epstein in Baden bei Wien als Sommerresidenz. Rainers Interesse an der vormodernen Kunst und Architektur wurde allerdings ab 1889 vom konservativen neuen Thronfolger Franz Ferdinand und den meisten anderen einflussreichen Mitgliedern des Kaiserhauses konterkariert. Sie lehnten die Moderne ab und verhinderten direkt sowie indirekt repräsentative Staatsaufträge an Wagner und andere moderne Architekten.
Revolution an der Wiener Kunstgewerbeschule ab 1899
Als Kuratoriumsmitglied des Museums für Kunst und Industrie sorgte Otto Wagner dafür, dass mit Direktor Felician von Myrbach, Josef Hoffmann, Kolo Moser, Alfred Roller, Arthur Strasser und Carl Otto Czeschka ab 1898 gleich sechs Gründer und Mitglieder der Secession an die Wiener Kunstgewerbeschule berufen wurden. Als berufsbildende höhere Schule der Sekundarstufe II waren an der Wiener Kunstgewerbeschule Pflichtschulabsolvent:innen in der allgemeinen Abteilung ab 14 Jahren zugelassen. In den darauf aufbauenden und weiterführenden Fachklassen lernten Schüler:innen ab 16 mit Lehrabschluss oder Matura in Ateliers und elf verschiedenen Fachwerkstätten.
Insbesondere Hoffmanns Bestellung als Leiter einer Fachklasse für Architektur [8] durch den liberalen Unterrichtsminister Artur Bylandt-Rheidt löste 1899 eine Kettenreaktion in der Entwicklung der Wiener Moderne aus. [9] Denn Hoffmann erweiterte die Aufgaben seiner Klasse aufgrund des Anspruchs der Secessionisten auf gesamthafte Gestaltung der Umwelt im Sinne der modernen Lebensreformbewegung radikal. Ursprünglich wurde in den Fachklassen für Architektur der Entwurf von Baudekor, Möbeln und Innenausstattung gelehrt. So wurden Künstler:innen ausgebildet, deren Arbeit bei der Errichtung der historistischen Ringstraßenbauten und anderer repräsentativer Projekte stark nachgefragt war. Hoffmann lehrte jedoch in seiner Fachklasse nun nicht mehr bloß Baudekor und Möbeldesign, sondern den Entwurf für sämtliche kunstgewerbliche Medien sowie kleiner Wohnhäuser und ganzer Siedlungen samt Gärten.

Da jedoch damals nur die Technischen Hochschulen und Kunstakademien der Monarchie „befugte“ Architekten ausbilden durften, entstand ein bildungspolitisches Dilemma: Hoffmanns Absolvent:innen waren als Abgänger einer berufsbildenden höheren Schule nicht nur relativ jung, sondern oft auch weiblich. Bis 1919 nahmen die österreichischen Hochschulen aber keine Frauen auf. Außerdem waren zur Prüfung für die staatliche Befugnis als Ziviltechniker nur Hochschulabsolventen zugelassen. So hatten Hoffmann und seine Kollegen bzw. Nachfolger Oskar Strnad, Heinrich Tessenow, Oswald Haerdtl und Franz Schuster weitere vier Jahrzehnte lang um die Anerkennung ihrer vollwertigen Berufsausbildung für Architekt:innen durch das Upgrading der Kunstgewerbeschule zur Hochschule zu kämpfen.
Soziologie der frühen Moderne
Bei den privaten Aufträgen seines Architekturbüros konnte Josef Hoffmann stets auf ein dicht gewobenes Netzwerk an aufgeklärten und kunstinteressierten Persönlichkeiten zurückgreifen. Die Kinder der erfolgreichen Unternehmer der Gründerzeit verfügten über Bildung, Vermögen und einen Distinktionswillen, der sie zu den natürlichen Verbündeten der jungen Künstler aus der modernen Lebensreformbewegung machte. Die wohlhabende Jugend der Zeit um 1900 wollte sich gegen den „Materialismus“ der Gründerväter abgrenzen und suchte ihre Identität in den immateriellen Werten der Reformkunst.
So entstammt – anders als im Werk vieler Kommilitonen Hoffmanns aus der Wagnerschule bis 1918 – der überwiegende Großteil seiner Projekte dem Bereich des individuellen Wohnens in Villen, Einfamilienhäusern, Siedlungshäusern und Geschosswohnbauten sowie dem Gewerbe mit Läden, Büros, Ateliers und kleinen Produktionsstätten. Seine Mitschüler hingegen konnten schon früh große öffentliche Projekte realisieren: Jan Kotěra baute 1909-12 in Königgrätz/Hradec Králové das Ostböhmische Museum, Jože Plečnik ein Stadthaus (1903-05) und eine Pfarrkirche aus Beton (1911-13) in Wien, Hubert Gessner mehrere repräsentative Bauten für die Sozialdemokratische Partei in Wien (Arbeiterheim Favoriten, 1901/02, und Parteizentrale im Vorwärts-Druckereigebäude, 1907-09) und Max Fabiani die städtebaulich markante Wiener Urania (1909/10) sowie Stadthäuser in Wien und Triest.

Die öffentlichen Aufträge an Hoffmann beschränkten sich auf Ausstellungsgestaltungen und Einrichtungen. Das Herrscherhaus und die großen Glaubensgemeinschaften verzichteten gänzlich auf seine Mitarbeit. Hoffmanns größter Bau in Wien vor 1918 ist das (private) Sanatorium Purkersdorf (1904/05). Die privaten Auftraggeber stammten überwiegend aus dem gutbürgerlichen Milieu, einige waren Ärzte oder Intellektuelle, Bankiers und Industrielle. Ethnizität und Konfession waren kein Kriterium. Bis 1918 identifizierten sich die meisten von ihnen zweifellos mit dem liberalen System der späten Monarchie, das vielen von ihnen wirtschaftliche und gesellschaftliche Aufstiegsmöglichkeiten geboten hatte.

Diese typische „Bauherren-Soziologie“ zeigen auch die Ereignisse rund um die Villenkolonie Hohe Warte in Wien-Döbling, deren sieben Häuser zwischen 1900 und 1911 von Josef Hoffmann errichtet wurden. Ursprünglich war die Kolonie ein Idealprojekt einiger Mitbegründer der Secession (Josef Maria Olbrich, Josef Hoffmann und Kolo Moser): Im Sinne der Lebensreform wollten sie außerhalb der als ungesund und naturfern empfundenen Großstadt mit ihren Familien in eigenen Häusern mit Gärten leben. Olbrich sollte die Häuser entwerfen, wurde jedoch 1899 vom jungen, Reformkunst-begeisterten Großherzog Ernst Ludwig von Hessen nach Darmstadt berufen, um dort eine Künstlerkolonie zu errichten. An Olbrichs Stelle plante nun Hoffmann 1899/1900 die ersten drei Häuser auf der Hohen Warte: Ein Doppelhaus für die Secessionisten Kolo Moser und Carl Moll, ein Haus für den Chemiker und Fotografen Friedrich Viktor Spitzer, den Sohn eines Zuckerfabrikanten, der 1899 aus der jüdischen Kultusgemeinde ausgetreten war, und ein drittes Haus für Hugo Henneberg, der Physiker und ebenfalls ein Pionier der künstlerischen Fotografie war. Eine Besichtigung dieser Häuser durch den belgischen Magnaten Adolphe Stoclet und seine Frau Suzanne Stevens, die aus einer Pariser Künstlerfamilie stammte, führte schließlich 1904 zum Auftrag an Hoffmann, das berühmte Wohnpalais der Familie Stoclet in Brüssel zu errichten.

Ein Jahr zuvor hatte Hoffmann gemeinsam mit Kolo Moser, dessen Ehefrau Editha aus der Industriellenfamilie Mautner von Markhof stammte, und mit Fritz Wärndorfer, Sohn des jüdischen Textil-Großindustriellen Samuel Wärndorfer, die „Produktiv-Genossenschaft“ Wiener Werkstätte gegründet. Diese bot ihren Kunden die Herstellung der gesamten modernen und handwerklich hergestellten Umwelt im Sinne der Lebensreform, von Gebrauchsgegenständen über Möbel bis zur Bauplanung. So ging der Planungsauftrag für das Palais Stoclet und seine luxuriöse Ausstattung nun nicht an Josef Hoffmann persönlich, sondern an die Wiener Werkstätte. Die Realisierung brachte zahlreiche repräsentative Subaufträge für moderne Wiener Künstler, allen voran Gustav Klimt (Mosaikfriese im Speisezimmer).
Hoffmanns Netzwerke in Staat und Wirtschaft
Josef Hoffmann Kontakte in der öffentlichen Verwaltung und in quasi-öffentlichen Vereinigungen wie dem Österreichischen Werkbund, die er in der späten Monarchie aufgebaut hatte, erwiesen sich als entscheidender Faktor für die Kontinuität seines künstlerischen Einflusses in den darauffolgenden höchst gegensätzlichen politischen Systemen der Ersten Republik, der christlich-sozialen Kanzlerdiktatur, der NS-Zeit und der Zweiten Republik. So konnte er sich als führender Experte des Landes für das Ausstellungswesen insbesondere bei offiziellen Auslandspräsentationen Österreichs etablieren. Die Feinmechanik dieser staatspolitisch bedeutsamen Ausstellungsplanungen ist im Detail noch wenig erforscht. Evident ist jedoch, dass Hoffmanns Ansehen als Ausstellungsgestalter und Architekt, das er in den oft spektakulären Präsentationen der Secession, der Kunstschau, des Museums für Kunst und Industrie (heute: MAK), und des Deutschen sowie Österreichischen Werkbundes aufbaute, ihn zum logischen Gestalter auch der staatlichen Auslandspräsentationen machte. Da diese in der Tradition der wirtschaftsnahen Weltausstellungen standen, waren für die staatsoffiziellen Beteiligungen Österreichs in der Regel das Handelsministerium und nationale Organisationen der Wirtschaft zuständig. Die entsprechenden Aufträge wurden von Politikern vergeben.

Bereits ein Jahr nach seiner Berufung wurde Hoffmann mit der Gestaltung der Räume der Wiener Kunstgewerbeschule und der Wiener Secession auf der Exposition Universelle in Paris 1900 beauftragt und konnte damit sogar eine größere Präsenz entfalten als sein Mentor Otto Wagner. 1908 errichtete er für die – 1905 aus der Secession ausgetretene – Klimtgruppe die temporären Ausstellungsbauten der Kunstschau am späteren Bauplatz des Wiener Konzerthauses. 1911 folgte der Auftrag für den österreichischen Pavillon auf der Internationalen Kunstausstellung in Rom.
Eine Schlüsselfigur in diesem Umfeld war der Jurist Adolf Vetter, mit dem Hoffmann befreundet war. Vetter war 1901–10 Ministerialvizesekretär im Handelsministerium, leitete ab 1910 das Gewerbeförderungsamt des Ministeriums für öffentliche Arbeiten und war 1919–22 Sektionschef. Mit Hoffmann arbeitete er seit der Gründung des Österreichischen Werkbundes 1912 als Vorstandsmitglied zusammen.

Im gleichen Jahr plante Hoffmann für den Musikverleger Emil Hertzka und die feministische Zionistin Yella Hertzka die Villenkolonie Kaasgraben in Wien. Hans Vetter erwarb hier eines der acht paarweise gekoppelten Wohnhäuser. 1914 beauftragte der Österreichische Werkbund, in dessen Vorstand Adolf Vetter mitwirkte, Josef Hoffmann mit der Planung des Österreich-Hauses der Werkbundausstellung in Köln. Bei dieser repräsentativen Auslandspräsentation Österreichs arbeiteten fortschrittliche Privatfirmen wie etwa die 1889 von Karl Wittgenstein gegründete Poldihütte oder das Wiener Glasunternehmen J. & L. Lobmeyr mit dem Werkbund und staatlichen Stellen erfolgreich zusammen.

Staatsrepräsentation und Fabrikantenvillen, Werkssiedlungen und das Rote Wien (1918–34)
Diese Tradition der künstlerischen Auslandspräsentationen wurde auch nach dem Ersten Weltkrieg fortgesetzt. 1925 beauftragte die Bundesregierung mit Handelsminister Hans Schürff von der Großdeutschen Volkspartei Josef Hoffmann mit der Planung des Österreich-Pavillons der Exposition Internationale des Arts Décoratifs et Industriels Modernes, quasi ein Da Capo der Werkbundausstellung von 1914. Da Deutschland im Gegensatz zu Österreich vom Veranstalter nicht zur Teilnahme eingeladen war, besaß Hoffmanns Pavillon auch politische Relevanz.

Seinen prominentesten und einflussreichsten Auftritt auf der internationalen Bühne hatte Hoffmann 1924–26 als eines von ursprünglich sechs Jurymitgliedern beim Architekturwettbewerb für den Hauptsitz des Völkerbundes in Genf. Österreich war – neben Frankreich, Italien, Großbritannien, Belgien und der Schweiz – vom Völkerbund um die Entsendung eines Fachmannes in die Jury gebeten worden. Für den christlichsozialen Bundeskanzler Rudolf Ramek und Außenminister Heinrich Mataja war es nun naheliegend, mit Josef Hoffmann Österreichs zu dieser Zeit international renommiertesten Architekten mit langjähriger Erfahrung in Auslandspräsentationen zu nominieren. [11]
Hoffmanns persönliche Netzwerke, die er vor dem Ersten Weltkrieg aufgebaut hatte, kamen ihm direkt und indirekt auch unter den neuen Bedingungen in den Nachfolgestaaten der Monarchie zugute. In Mährisch-Schlesien in der nunmehrigen Tschechoslowakei beauftragte ihn der Spinnereibesitzer Fritz Grohmann 1918 mit der Errichtung einer repräsentativen Fabrikantenvilla bei Würbenthal/Vrbno pod Pradědem. Grohmanns Ehefrau Susanne Primavesi stammte aus einer bedeutenden mährischen Bankiers- und Industriellenfamilie, für die Hoffmann bereits 1913 ein Landhaus in Winkelsdorf/Kouty nad Desnou errichtet hatte. Die Bauherrin Mäda Primavesi wurde von Gustav Klimt porträtiert und leitete vorübergehend die Wiener Werkstätte.

Ihr Neffe, der junge Industrielle Kuno Grohmann, beauftragte Hoffmann 1922 mit der Planung einer innovativen Werkssiedlung für seine Mitarbeiter in Würbenthal/Vrbno pod Pradědem.

Als wichtigster öffentlicher Bauherr für Österreichs moderne Architekten trat ab 1922 die Stadt Wien an die Stelle der ehemaligen Reichsregierung. Den sozialdemokratischen Politikern der neuen Stadt- und Landesregierung war es aus zweierlei Gründen ein Anliegen, die angesehensten modernen Architekten für ihr soziales Bauprogramm zu gewinnen: Einerseits wollte man deren Erfahrung und Fachkompetenz nutzen, andererseits aber auch politische Unterstützung der künstlerischen Eliten finden. 1923/24 sondierte man potentielle Standards des großangelegten städtischen Wohnbauprogramms. [12] Für den Wohnbau war der sozialdemokratische Stadtrat Anton Weber zuständig, die Stadtbaudirektion (Stadtbauamt) leiteten nacheinander Heinrich Goldemund (1913–20), Max Fiebiger (1920–25) und Franz Musil (1925–41). In dieser Behörde war auch die Schule Otto Wagners vertreten, etwa mit dem Architekten Karl Ehn, dessen bekanntestes Werk der Karl-Marx-Hof ist. Hoffmann wurde 1923 eingeladen, mit dem später so benannten Klosehof in Wien-Döbling einen Prototyp für den Wiener „Gemeindebau“ zu errichten.

Weiters plante er 1924 einen Bauteil im Winarskyhof, an dem auch Josef Frank, Peter Behrens, Oskar Strnad und Oskar Wlach mitwirkten. Für die Erweiterung, den Otto Haas-Hof, planten Margarete Lihotzky, Karl Dirnhuber und Franz Schuster je einen Bauteil. Adolf Loos‘ Vorschlag eines Terrassenhauses wurde nicht berücksichtigt.
Staatsrepräsentation und Kunstgewerbe im „Ständestaat“ (1934–38)
Hoffmanns dicht gewobenes Beziehungsnetz in den gesellschaftlichen und politischen Eliten Österreichs erwies sich in den Jahren der christlichsozialen Kanzlerdiktatur im Vergleich zu den früheren Höhepunkten vorübergehend als weniger potent. [13] 1934 war er bereits 64 Jahre alt – nun übernahmen jüngere Architekten wie der erfolgreiche Akademieprofessor und „Staatsrat für Kunst“ Clemens Holzmeister (1886–1983) sowie Oswald Haerdtl (1899–1959) entscheidende Funktionen in der staatlichen Repräsentation. Haerdtl war jedoch 1932–38 Hoffmanns Büropartner. Zwar wurde das gemeinsame Büro noch zweimal mit der Planung von Österreichs Weltausstellungspavillons beauftragt (1935 in Brüssel und 1937 in Paris), allerdings entwarf nun nicht mehr Hoffmann, sondern Haerdtl die beiden in ihrem jeweiligen Kontext avanciert modernen Bauten.

Auch mit dem Aufsteiger Clemens Holzmeister verbinden Hoffmann in der Zeit des „Ständestaates“ mehrere direkte und indirekte Berührungspunkte. 1934 fand ein geladener Wettbewerb für den Österreich-Pavillon der Kunstbiennale in Venedig statt, an dem Hoffmann, Erich Boltenstern, Josef F. Dex, Eugen Kastner und Hermann Kutschera teilnahmen. [14] Juryvorsitzender war Clemens Holzmeister.

Der Planungsauftrag wurde an Hoffmann vergeben, allerdings mit der Auflage, dass der Kirchenarchitekt Robert Kramreiter die Ausführung leitete. Im gleichen Jahr trat Hoffmann aus dem 1912 von ihm mitbegründeten Österreichischen Werkbund aus und gründete gemeinsam mit Clemens Holzmeister und Peter Behrens den Neuen Werkbund. Andreas Nierhaus charakterisierte ihn 2021: „Die stärkere Ausrichtung auf traditionelles Handwerk und eine vermeintlich ‚bodenständige‘ Kultur entsprach den neuen politischen Verhältnissen; antisemitisch ausgerichtet war die Vereinigung entgegen anderslautenden Behauptungen jedoch keineswegs – im Vorstand saß etwa der jüdische Druckereibesitzer Sigmund Rosenbaum.“

Ebenfalls 1934 fand im Kunstgewerbemuseum (heute: MAK) die programmatische Ausstellung „Das befreite Handwerk“ statt, die sich gegen die Industrialisierung sowie den Minimalismus des „Internationalen Stils“ und der Neuen Sachlichkeit wandte.
1936 beteiligte sich Hoffmann am Wettbewerb für das Parlament in Ankara. Den Sieg trug allerdings Clemens Holzmeister davon, der bereits seit 1927 in der neuen türkischen Hauptstadt baute und dort bis 1963 insgesamt 14 Regierungsgebäude errichtete. 1936/37 wurde Hoffmann als Professor der Kunstgewerbeschule pensioniert. Für ihn war dies ein traumatisches Erlebnis, da er um das Schicksal der individuellen handwerklichen Produktgestaltung fürchtete, die er 1899 als zentrale Kompetenz der Schule eingeführt hatte.
NS-Zeit: Ein letzter Rettungsversuch für das Kunstgewerbe (1938–1945)
Als späte „Fernwirkung“ seiner jahrzehntelang aufgebauten persönlichen Netzwerke brachte die NS-Zeit für Josef Hoffmann ein kurzfristiges Aufflackern seines Einflusses. [15] Sein wichtigster Kontakt in dieser Ära war Hermann Neubacher (1893–1960). Neubacher war ab 1924 Generaldirektor der Stadt-Wien eigenen Gemeinwirtschaftlichen Siedlungs- und Bauaktiengesellschaft (GESIBA) und ab 1928 Präsident des Österreichischen Werkbundes (ÖWB). 1931 war er Aufsichtsrat von Hoffmanns Wiener Werkstätte, die 1932 in Konkurs ging. Im gleichen Jahr errichtete die GESIBA die Wiener Werkbundsiedlung, für die Hoffmann vier Häuser plante.

1933 trat Neubacher der NSDAP bei und war nach deren Putschversuch 1935/36 inhaftiert. 1938 avancierte er zum ersten NS-Bürgermeister von Wien und gründete im Magistrat das Kulturamt der Stadt. Dort leitete Johannes Cech, ein Neffe Hoffmanns, die Agenden des Kunstgewerbes. Mithilfe dieser effizienten Verbindungen konnte Hoffmann 1938 das neue Wiener Haus der Mode im Palais Lobkowitz einrichten.

1939 erfüllte die Stadt ihm einen Herzenswunsch und gründete – gleichsam als Wiederbelebung der Wiener Werkstätte – den Wiener Kunsthandwerkverein. Hoffmann wurde Ehrenpräsident, die Leitung übernahm sein ehemaliger Mitarbeiter Hans Bichler. Ausstellungsräume, Werkstätten und Büros wurden im Gebäude des ehemaligen Kaufhauses Zwieback in der Kärntner Straße eingerichtet, wo Hoffmann bis in die Nachkriegszeit auch sein privates Architekturbüro betrieb.

Ebenfalls 1939 wurde die 1897 von ihm mitgegründete Secession mit dem Wiener Künstlerhaus zwangsfusioniert, wofür Hoffmann gemeinsam mit Christian Ludwig Martin und Oswald Roux als Liquidator eingesetzt wurde.

1940 folgte der Umbau des ehemaligen deutschen Botschaftsgebäudes in Wien zum Offizierskasino Haus der Wehrmacht. Noch unklar ist, welchen Personen seines einflussreichen Netzwerks Hoffmann diesen konkreten Auftrag verdankte. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass etwa Reichsstatthalter Arthur Seyß-Inquart, der Sohn eines ehemaligen Lehrers von Hoffmann am Gymnasium in Iglau/Jihlava, sowie dessen Kulturstaatssekretär Kajetan Mühlmann, Ehemann der ehemaligen Hoffmann-Schülerin Poldi Wojtek, an dieser Entscheidung mitwirkten.
Bereits 1940 endete Hoffmanns kurzzeitiger Einfluss auf die Wiener Kulturpolitik mit dem Wechsel Neubachers und Seyß-Inquarts auf andere einflussreiche Posten in deutsch besetzten Ländern Europas. Die Kriegswirtschaft brachte das zivile Bauwesen zum Erliegen.

Ein letztes skurriles Projekt war 1944 Hoffmanns Entwurf eines Mausoleums für (Gjergj Kastrioti) Skanderbeg in Kruja, in dem Helm und Schwert des mittelalterlichen albanischen Nationalhelden als beabsichtigtes Geschenk der staatlichen Wiener Kunstsammlungen präsentiert werden sollten. Diese Idee stammte wieder von Hermann Neubacher, der 1940–45 als „Sonderbeauftragter für Wirtschaftsfragen“ für ganz Südosteuropa und 1941–45 als Bevollmächtigter des Deutschen Reichs für Griechenland wirkte.
Kontinuitätsstreben in der Zweiten Republik (1945–56)
Selbst in seinem neunten Lebensjahrzehnt konnte Josef Hoffmann sich noch eines erfüllten Arbeitslebens erfreuen. Der wichtigste Grund für die öffentlichen Aufträge an ihn war das Kontinuitätsstreben von Politik und Gesellschaft, mit dem man nun an die Zeit vor der NS-Ära anknüpfen und die österreichische kulturelle Identität rekonstruieren wollte. [16] So dienten in den Bundes- und Landesregierungen vorwiegend Persönlichkeiten, die schon in der Ersten Republik und im christlich-sozialen „Ständestaat“ wichtige Positionen in ihren Parteien eingenommen hatten. Dazu gehörte auch der gelernte Schriftsetzer Leopold Thaller, der 1932–34 als Sekretär der sozialdemokratischen Partei gewirkt hatte. 1934 war er – wie Hermann Neubacher – unter der österreichischen Kanzlerdiktatur im Wöllersdorf sowie 1944 unter dem NS-Regime in Dachau inhaftiert. 1949–51 war er amtsführender Wiener Stadtrat für Wohnungs-, Siedlungs- und Kleingartenwesen und damit federführend im großangelegten Wiederaufbau Wiens.

Sein Kontinuitätsstreben nach den frühen Idealen des „Roten Wien“ manifestierte sich u.a. auch darin, dass er erneut angesehene und fachlich bewährte Architekten mit der Planung großer Wohnhausanlagen beauftragte. So konnte Hoffmann mit seinem Partner Josef Kalbac um 1950 zusätzlich zu den ersten drei „Gemeindebauten“, die er 1924–30 entworfen hatte, drei weitere Wohnhäuser der Stadt Wien planen. [17]
Analog wirkte der christlichsoziale Vorarlberger Jurist, Lehrer und Gewerbefunktionär Ernst Kolb, der 1943–45 des Gaus Tirol-Vorarlberg verwiesen war, 1948–52 als Bundesminister für Handel und Wiederaufbau und 1952–54 als Unterrichtsminister.

Als solcher beauftragte er Josef Hoffmann 1954 mit der Planung eines kleinen Erweiterungsbaus von dessen Österreich-Pavillon der Kunstbiennale in Venedig. Außerdem wirkte Hoffmann als Mitglied des Kunstsenats beim Unterrichtsministerium und 1948–54 vier Mal als Kommissär des österreichischen Beitrags. Im Sinne des allgemeinen Kontinuitätsstrebens präsentierte er dabei neben den jungen Künstlern der Zweiten Republik immer wieder ehemalige Weggefährten der klassischen Moderne wie Egon Schiele.
Last not least reaktivierten sich Hoffmanns persönliche Netzwerke nach dem Kriegsende auch in seinen angestammten Wirkungskreisen bei der Wiener Secession und im Umkreis des ehemaligen Österreichischen Werkbundes. Die Secession, die 1939 mit dem Künstlerhaus zwangsfusioniert worden war, wobei Hoffman als Co-Liquidator fungierte, wurde 1945 wiedergegründet und wählte ihn 1948 auf zwei Jahre zum Präsidenten.

Außerdem bestellte Hoffmanns alter Freund Hermann Neubacher, der nach kurzer Haft in US-Kriegsgefangenschaft und in Jugoslawien 1954–56 als Berater und Verwaltungskommissar des äthiopischen Kaisers Haile Selassie für die Hauptstadt Addis Abeba wirkte, bei ihm 1954 einen (nicht realisierten) Entwurf für ein neues Rathaus von Adis Abeba.
Josef Hoffmann hatte es durch die international anerkannte hohe Qualität seines künstlerischen Œuvres, mithilfe seiner persönlichen Netzwerke und ungeachtet seiner eigenen Weltanschauung zustande gebracht, über 60 Jahre hinweg die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Eliten von fünf grundverschiedenen politischen Systemen Österreichs für seine künstlerischen Ziele zu aktivieren. Ähnlich effizient und langfristig konnte unter den österreichischen Architekten sonst nur Clemens Holzmeister auf der nationalen und internationalen Bühne agieren. Eines der zentralen Argumente Hoffmanns war stets die „Eigenart“ von Kunst und Künstlern in Österreich, die es zu fördern gelte, um als angesehene Kulturregion in der globalen Kunstwelt bestehen zu können. Dieses Ziel wurde von einflussreichen Persönlichkeiten aller Regime gerne unterstützt und besitzt eine ungebrochene Aktualität.
Anmerkungen
Dank für zahlreiche Hinweise an Christian Witt-Dörring, Rainald Franz und Markus Kristan.
[1] Christoph Thun-Hohenstein et al. (Hg.), Josef Hoffmann 1870–1956. Fortschritt durch Schönheit. Das Handbuch zum Werk, Basel (Birkhäuser) 2021
[2] Die Bauten der Wiener Donauregulierung, in: Der Architekt VI/1900, S. 1
[3] Alfred Fogarassy, Otto Wagner – Die Wiener Stadtbahn, Ostfildern-Ruit (Hatje Cantz) 2017
[4] Die liberalen Regierungen hatten allerdings zwischen den fortschrittlichen und den konservativen Mitgliedern des Kaiserhauses zu navigieren. Thronfolger Franz Ferdinand wirkte ab 1889 als entschiedener Gegner der Moderne, weshalb Otto Wagner zeitlebens keinen großen Staatsauftrag erhielt.
[5] Marco Pozzetto, Die Schule Otto Wagners 1894-1912, Wien (Schroll) 1980
[6] Beispielsweise Jan Kotěra in Prag und Jože Plečnik in Laibach
[7] Der Baugrund des Ausstellungshauses der Secession wurde der Vereinigung von der Stadt Wien unter Karl Lueger zur Verfügung gestellt, der mit Otto Wagner befreundet war.
[8] Berufungsdekret, Zl. 10293/1899, Archiv der Universität für angewandte Kunst Wien
[9] Matthias Boeckl, Treibhaus der Moderne: Architekturausbildung an der Wiener Kunstgewerbeschule 1899–1945. In: Christiane Fülscher, Christiane Salge, Anna-Sophie Laug (Hg.), Kunstgewerbeschulen: Wegbereiter einer neuen Architekturlehre, Heidelberg, arthistoricum.net, 2026
[10] Eduard Sekler, Josef Hoffmann. Das architektonische Werk, Salzburg (Residenz) 1982
[11] Matthias Boeckl, Im Zenit des internationalen Einflusses. Josef Hoffmann und der Wettbewerb für den Völkerbundpalast in Genf, in: Thun-Hohenstein 2011, S. 321–325
[12] Matthias Boeckl, Die soziale Frage. Josef Hoffmanns Wohn- und Siedlungsbauten bis 1933, in: Thun-Hohenstein 2011, S. 305–313
[13] Elisabeth Boeckl-Klamper, Temporärer Karriereknick. Josef Hoffmann und der „Ständestaat“, in: Thun-Hohenstein 2021, S. 359–363
[14] Rainald Franz, Österreichs ästhetische Selbstdarstellung. Der Pavillon in Venedig 1933/34, in: Thun-Hohenstein 2011, S. 365–379
[15] Elisabeth Boeckl-Klamper, Josef Hoffmann und der Nationalsozialismus. Eine Bestandsaufnahme, sowie Matthias Boeckl, Der Wille der Führung. Josef Hoffmanns Projekte der NS-Zeit, beide in: Thun-Hohenstein 2011, S. 389–406
[16] Matthias Boeckl, Rekonstruktion der Moderne. Josef Hoffmanns Spätwerk als Architekt und Kurator, in: Thun-Hohenstein 2011, S. 425–429
[17] Blechturmgasse 23-27, Silbergasse 2-4, Heiligenstädter Straße 129