In Duisburg entstand das erste neu errichtete Kaufhaus des deutschen Tycoons Helmut Horten (1909-1987). Nach Anfängen in der NS-Zeit als junger Kaufhaus-Eigentümer und der folgenden Inhaftierung durch die britische Besatzungsmacht 1946-48 signalisierte Hortens Leuchtturmprojekt der Nachkriegszeit nicht nur den Beginn des deutschen „Wirtschaftswunders“. Es markierte auch den Start eines erfolgreichen Kaufhauskonzerns mit rund 70 Häusern, den Horten 1971 verkaufte und sich ins Privatleben zurückzog.
1945/46: Britische Besatzung, Suche nach Kriegsverbrechern, Haft
Die Jahre vom Kriegsende 1945 bis zur Währungsreform 1948, als das deutsche „Wirtschaftswunder“ begann, waren besonders im Rhein-Ruhr-Gebiet, dem Herz der deutschen Industrie, geprägt von erdrückender Mangelwirtschaft sowie von der massiven politischen Disruption nach dem Ende der NS-Diktatur. In jenen Jahren verfolgten die englischen, amerikanischen und französischen Besatzungsbehörden Mittäter des besiegten verbrecherischen NS-Regimes in Internierungslagern, Militärgerichts- und Strafprozessen. Mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland (BRD) auf dem Gebiet der amerikanischen, britischen und französischen Besatzungszonen im Westen sowie der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) auf jenem der Sowjetunion im Osten begann im Herbst 1949 jedoch der global geführte „Kalte Krieg“ zwischen dem westlichen und dem sozialistischen Modell. Auf den Alltag in der Bundesrepublik wirkte sich das unter anderem auch im spürbaren Nachlassen des Verfolgungsdrucks auf vermeintliche und tatsächliche NS-Täter durch die Besatzungsbehörden aus. Zahlreiche Verfahren wurden ausgesetzt oder eingestellt.


Auch für die Stadt Duisburg, wo Helmut Horten lebte und im Übergangsquartier „Kolkmannhaus“ an der Königstraße sein 1942 in der Beekstraße „ausgebombtes“ Kaufhausgeschäft weiterbetrieb, verliefen die Jahre zwischen 1945 und 1949 dramatisch. Die Nachkriegs-Chronologie der Rhein-Ruhr-Region, ihres angesehenen Bürgers und Unternehmers Helmut Horten sowie vieler anderer Geschäftsleute und Gewerbetreibende zeigt viele Firmen, die vor, während und nach der NS-Zeit kontinuierlich weiterbetrieben worden waren. Dabei hatten sie mehr oder weniger vom NS-Regime profitiert, etwa durch „Übernahme“ jüdischen Besitzes zu günstigen Bedingungen.

Peter Hoeres und Maximilian Kutzner haben dies 2024 in einer biografischen Studie über Horten detailliert nachgezeichnet. Die meisten der folgenden Daten zu Horten als Person stammen aus dieser Studie. Am 1. März 1945 hatten US-Truppen von Westen her kommend Neuss erreicht, den linksrheinischen Stadtteil von Düsseldorf. Die Stadt wurde danach mehrere Wochen lang intensiv über den Rhein hinweg von Artillerie beschossen. Am 7. März überschritten US-Truppen den Rhein südlich des Ruhrgebiets bei Remagen und stießen danach Richtung Osten vor. Am 24. März überschritten US- und britische Truppen den Rhein nördlich des Ruhrgebiets bei Wesel und rückten ebenfalls gen Osten vor. Am 1. April trafen sich die amerikanischen und britischen Stoßtruppen bei Lippstadt. Damit war der Kessel um das Ruhrgebiet, in dem große deutsche Verbände standen, geschlossen. US-Truppen rückten am 12. April in Duisburg und am 17. April 1945 in Düsseldorf ein, die deutschen Truppen wurden – ohne förmliche Kapitulation – einfach aus dem Heeresdienst entlassen. Der deutsche Kommandeur Generalfeldmarschall Walter Model beging am 21. April 1945 nahe Duisburg Selbstmord.
Schon bald begannen die erwartbaren Schwierigkeiten für Helmut Horten. Er repräsentierte den typischen erfolgreichen Kaufmann jener Zeit und Region. Nun musste er sich aus den Beschuldigungen der Mittäterschaft freikämpfen und seine Kaufhauskette, die nach dem Verlust der Standorte im Osten nur mehr aus den zwei Häusern in Duisburg und Wattenscheid bestand, wieder auf- und ausbauen. Bereits am 26. April 1945 traf eine erste anonyme Anzeige gegen Horten bei den Besatzungsbehörden ein.

Am 8. Mai 1945 erfolgte die bedingungslose Kapitulation des deutschen Militärs unter Admiral Dönitz. Im Mai 1945 übernahm die britische Besatzungsmacht die Militärregierung der Rhein-Ruhr-Region von den US-Truppen. Hortens langjähriger Geschäftspartner Wilhelm Reinold gab im August 1945 bei einer ersten Befragung durch die Briten an, dass er und Horten ein gutes Verhältnis zu den geflüchteten Familien Strauß und Lauter pflegten. Diese waren die Vorbesitzer des Kaufhauses Alsberg in Duisburg — Hortens erstes Kaufhaus — bis 1936.
Hoeres und Kutzner berichten, dass am 20. September 1945 eine erste Festnahme Hortens durch britisches Militär unter dem Vorwurf von Falschaussagen bei vorherigen Befragungen und illegalem Handel mit rationierten Waren erfolgte. Eine Verurteilung zu sechs Monaten Haft folgte, am 20. Oktober 1945 die Umwandlung der Haftstrafe in 12 Monate Bewährung. Die britischen Behörden ermittelten danach weiter gegen Horten. Er wurde für einen ehemaligen NS-„Wehrwirtschaftsführer“ gehalten, ein Amt, das er jedoch nie bekleidet hatte.

Rudolf Strauß, einer der ehemaligen Besitzer des Kaufhauses Alsberg in Duisburg, der in der US-Armee diente, stellte am 11. November 1945 zur Sicherung der Ansprüche der ehemaligen Eigentümer einen Antrag auf Sperrung des Vermögens von Helmut Horten (Antragserneuerung am 2. November 1947), dem von den britischen Militärbehörden erst am 2. Oktober 1946 formal stattgegeben wurde. Aber de facto wurde bereits im Januar 1946 das private und das Firmenvermögen von Helmut Horten erstmals vorübergehend gesperrt, die Sperre wurde jedoch sogleich wieder aufgehoben. Am 23. Mai 1946 wurden schließlich das Privat- und Firmenvermögen von Horten endgültig gesperrt und die Firma an einen Treuhänder übergeben. Dennoch konnte Horten am 30. Mai 1946 das ehemalige Haus Lauter an der Prinz-Albrecht-Straße in Duisburg, das im gesperrten Privatvermögen offenbar nicht erfasst war, für 123.500 RM an den Arzt Dr. Otto Wittke verkaufen. Am gleichen Tag versuchte Horten zudem, 400.000 RM an seine Schwester Josefa zu überweisen, was jedoch behördlich untersagt wurde. Laut einer Vermögensaufstellung verfügte Helmut Horten 1946 noch über ein Vermögen von rund einer Million RM – nach seiner Haftentlassung 1948 sollte es auf 400.000 RM geschrumpft sein. Im Frühjahr 1946 verkaufte Horten seinen 1939 erworbenen Mercedes Benz 540 Kompressor an französische Militärs, obwohl das elegante Auto bereits britischen Offizieren zugesagt war, was zu Verstimmungen führte.

Wegen Fluchtgefahr wurde Horten am 1. August 1946 von den britischen Militärbehörden im Lager Recklinghausen-Hillerheide inhaftiert. Das Lager hatte in der NS-Zeit der Unterbringung von Zwangsarbeitern gedient. Im Lager lernte Horten die ehemaligen NS-Größen Rudolf Tesmann und Herbert Tengelmann kennen, die später in seinem Konzern tätig werden sollten. Im Lager herrschten harte Bedingungen, es gab zahlreiche Tote.
Wie Hoeres und Kutzner zeigten, begann 1946 parallel zur Untersuchung der britischen Militärbehörden auch das Entnazifizierungsverfahren der Stadt Duisburg zu Horten. Zahlreiche für Horten positive eidesstattliche Erklärungen von Geschäftspartnern, Bekannten und Angestellten während der NS-Zeit wurden bis Oktober 1947 an die Entnazifizierungsbehörde gesandt. Horten war seit 1937 Mitglied der NSDAP und des NSKK gewesen, für einen kolportierten Parteiausschluss 1944 gibt es hingegen keinerlei Belege. Der Oberbürgermeister von Duisburg übermittelte der britischen „Property Control“ – einer Militärbehörde zur Erfassung des Vermögens potenzieller NS-Täter – im Sommer 1946 einen Bericht über den Besitz von Helmut Horten.
1947/48: Steiniger Weg zum Wiederaufbau
Anfang 1947 wurde im britischen Lager Recklinghausen-Hillerheide ein Spruchgericht eingerichtet, bei dem Horten jedoch nicht angeklagt wurde, da es keine Beweise für relevante Taten während der NS-Zeit gab. Der Firmen-Bevollmächtigte Middelmann meldete am 17. November 1947 das Geschäft und die Immobilie des ehemaligen Kaufhauses Alsberg in Duisburg bei der Zentralstelle für Vermögenskontrolle der britischen Besatzungszone („Property Control“) als ehemaligen jüdischen Besitz an. Horten, der im britischen Lager weder angeklagt noch freigelassen wurde, drängte nun auf eine finale Entscheidung seiner Causa und begann am 30. Dezember 1947 einen Hungerstreik. Am 18. März 1948 wurde er schließlich aus dem Lager Recklinghausen-Hillerheide mangels Beweisen für schuldhaftes Verhalten in der NS-Zeit entlassen und anschließend im Knappschaftskrankenhaus Recklinghausen behandelt. Das Lager wurde im April 1948 aufgelöst.

Am 13. April 1948 stufte der Entnazifizierungsausschuss des Stadtkreises Duisburg aufgrund der eingelangten eidesstattlichen Erklärungen Helmut Horten in die Kategorie V als „entlastet“ ein. Mehr als die Hälfte dieser Entnazifizierungsverfahren endete mit ähnlichen Entscheidungen geringer oder gar keiner Belastungen. Dennoch ermittelte die britische Militärbehörde „Property Control“ weiter gegen Horten, wie Hoeres und Kutzner in ihrer hier ausführlich zitierten Studie detailliert beschreiben. Sein verbliebenes Vermögen wurde am 17. April 1948 mit 400.000 RM festgestellt – nach einer Million, über die er noch im Jahre 1946 verfügt hatte. Horten stellte nun einen ersten Antrag auf Entsperrung des Vermögens. Wegen mangelnder Liquidität musste der bereits im Sommer 1948 begonnene Bau des „100-Tage-Kaufhauses“ am neuen Standort Königstraße mit Krediten kofinanziert werden. Horten riskierte dies und setzte alles auf die Karte zukünftiger Umsätze, aus denen er alle Forderungen bedienen würde. Das Risiko wurde nicht schlagend und seine geschäftlichen Erwartungen sollten sich ab 1949 spektakulär über-erfüllen.

Parallel zum Entnazifizierungsverfahren stellten 1948 die Vorbesitzer des Kaufhauses in Duisburg, Hermann Strauß sowie Ernst und Curt Lauter, Anträge auf Wiedergutmachung. Beim diesbezüglichen Prozess erwies sich die Feststellung des Verkehrswerts des ehemaligen Kaufhauses Alsberg als Problem. Der Prozess lief bis 1951 und wurde durch Vergleich mit einer Wiedergutmachungszahlung Hortens beendet, die weit über der ursprünglichen Forderung der Kläger lag.

Am 20. Juni 1948 trat die Währungsreform in den westdeutschen Besatzungszonen Frankreichs, Großbritanniens und der USA in Kraft. Der Bar-Umrechnungskurs wurde mit 10 RM = 1 DM festgesetzt. Größere Bankguthaben, darunter auch Vermögenswerte von Horten, wurden nur mit 100 : 6,5 umgerechnet, was für viele, auch für Horten, dessen Vermögen noch immer gesperrt war, beträchtliche Verluste bedeutete.
Helmut Horten, Emil Fahrenkamp und das „100-Tage-Kaufhaus“
Die Enttrümmerung des Areals an der Duisburger Königstraße für den Neubau des Kaufhauses begann am 30. August 1948. Als Architekt wählte Helmut Horten den angesehenen Baukünstler Emil Fahrenkamp (1885-1966), dessen erster Bau nach 1945 das Kaufhaus werden sollte. Er war einer der wenigen Architekten der Region, die noch aus den 1930er Jahren Erfahrungen im Gewerbebau vorzuweisen hatten. Jüngere Architekten hatten während der NS-Zeit praktisch keine Gelegenheit gehabt, sich auf diesem Gebiete zu profilieren und sich für Wiederaufbau-Schlüsselprojekte zu empfehlen. 1945 bis 1948 stand Fahrenkamp unter dem Verdacht der übermäßigen Kooperation mit dem NS-Regime (Reichsausstellung „Schaffendes Volk“ 1937, Projekte für Joseph Goebbels). Er verfügte durch seine Mitarbeit 1909 bis 1912 bei Wilhelm Kreis (Kaufhaus Tietz in Köln) und die eigene Praxis in den 1930er Jahren über viel Erfahrung im Gewerbeimmobilien- und Kaufhausbau.

1933 erlangte Fahrenkamp als moderner Architekt mit dem Shell-Haus in Berlin Berühmtheit, ebenso bereits 1926 mit seinem prämierten Projekt beim Wettbewerb für den Völkerbundpalast in Genf. Er war Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie und 1937 bis 1946 deren Leiter.

Die Beauftragung durch Horten, womit der spätere „Kaufhaus-König“ dem durchaus belasteten Architekten den Start in die neue, demokratische Ära ermöglichte, ist zugleich auch der erste Beleg für Hortens völlig pragmatische Einstellung in Bauplanungsfragen. Diese Haltung ließ ihn stets auf lokal vorhandene oder mit einschlägigen Projekten bereits vertraute, solide und etablierte Architekten zurückgreifen. Dies lässt sich in nahezu allen Bauprojekten Hortens zwischen 1948 und seinem Tod 1987 beobachten. In die Planung brachte Horten dann konsequent seine eigenen, exakt formulierten Vorstellungen ein, die er zuvor entweder durch gezielte Recherchen (USA-Studienreise Mitte der 1950er Jahre mit Architekt Helmut Rhode) oder durch langjährige Erfahrungen im Geschäftsbetrieb erworben hatte. Danach mischte sich Horten — so beschreiben Hoeres und Kutzner diese Management-Strategie — nicht mehr in den Planungsprozess ein. Er erwartete, dass die Erfahrung des planenden Architekten vor Ort gemeinsam mit seinen eigenen Zielvorgaben zum erwünschten Ergebnis führen würde. In den allermeisten Fällen seiner rund 100 teils stadtbildprägenden Bauprojekte gelang dies auch tatsächlich.

Fahrenkamp wählte als Partner für das Kaufhausprojekt die lokalen Architekten Kurt Conle und Friedrich Boeke. Bereits im September 1948 wurden die Fundamente gelegt. Eile war geboten, da man das Weihnachtsgeschäft nicht verpassen wollte und zudem die Geschwindigkeit der Errichtung von Neubauten zu jener Zeit ein wichtiges Marketingkriterium war. Daher stammte der Name des Kaufhauses („100 Tage“). Aus diesem kollektiven Geschwindigkeitsrausch entstanden auch viele Versäumnisse und Qualitätsmängel der Wiederaufbauarchitektur, die deshalb lange Zeit wenig wertgeschätzt war. So wurde bereits Ende September 1948 in Duisburg die Stahlbetonkonstruktion der Obergeschosse begonnen.
Parallel dazu hatte sich Horten auch mit der Wiedergutmachung zu befassen. Am 19. Oktober 1948 meldete er beim Amt für gesperrte Vermögen in Duisburg vorsorglich seinen Erwerb des Kaufhauses Alsberg 1936 an, der „ordnungsgemäß“ verlaufen sei. Im November 1948 war der Rohbau des neuen Kaufhauses in Duisburg fast fertiggestellt und die Elektrifizierung abgeschlossen (Licht in den 32 Schaufenstern).

Am 1. Dezember 1948 wurde Hortens „100-Tage-Kaufhaus“ in Duisburg mit umfangreichen Festaktivitäten unter Anteilnahme der Stadtverwaltung und der Bevölkerung sowie intensiver Beobachtung des britischen Militärs eröffnet. Vom Bau waren zu diesem Zeitpunkt erst das Erdgeschoss und das erste Obergeschoss fertiggestellt. Die Umsatzzahlen des gesamten Horten-Betriebs mit zwei Häusern und mobilen Einheiten lagen jedoch bereits 1949 mit 17 Mio. DM über allen Erwartungen (1948 setzte man nur 3,8 Mio. DM um). So konnte Horten in den komplizierten Firmenkonstruktionen rund um das Neubauprojekt (sein Vermögen war nach wie vor gesperrt) unschwer die Kredite für den Bau und die Waren-Ankäufe bedienen bzw. die Miete für das Haus sowie Vergleichszahlungen an die ehemaligen Eigentümer der Alsberg OHG zahlen, die weit über deren eigenen Forderungen lagen. Aus Südafrika stellte nun auch der ehemalige Eigentümer des gleichnamigen Kaufhauses Sally Hess in Wattenscheid, das Horten 1936 „übernommen“ hatte, im Jahr 1948 einen Antrag auf Rückstellung seines Kaufhauses. Am 7. September 1949 schloss Horten mit Sally Hess einen Vergleich, in dem das Kaufhaus an Hess vollständig restituiert und anschließend von Horten gegen einen Zins von 2 % des Jahresumsatzes zurückgepachtet wurde – dieser Deal erlangte Rechtskraft am 25. Mai 1950.
Am 1. April 1949 hob das Amt für gesperrte Vermögen schließlich die Sperren von Hortens privaten und Firmenkonten auf und die britischen Militärbehörden stellten die Ermittlungen gegen Horten ein. Der Weg war frei für eine scheinbar grenzenlose weitere Expansion des wachsenden Kaufhauskonzerns.
Am 13. August 1949 begann der Bau des zweiten Obergeschosses des neuen Kaufhauses in Duisburg, am 30. September wurde dieses eröffnet. Eine Modeschau mit 300 Gästen wurde darin veranstaltet. Horten ließ 1949 wegen der übergroßen Nachfrage einen Verkaufswagen durch die rund um Duisburg liegenden Ortschaften fahren. In Wesel, Kleve, Rees, Emmerich und Geldern wurden dann auch — wie Hoeres und Kutzner recherchiert haben — vorübergehend kleine Filialen mit rund 150 m2 Verkaufsfläche betrieben. Die Familien Lauter und Strauß stellten am 7. November 1949 einen Antrag auf Rückerstattung des Vermögens der ehemaligen Alsberg OHG. Forderungen in Höhe von 670.000 RM wurden nun gegen die „Ariseure“ Helmut Horten, Erich Rump, Wilhelm Reinold und Dr. Fieger erhoben. Horten konnte jedoch im folgenden Vergleich aufgrund des großen Erfolges des neuen Kaufhauses in Duisburg rund 900.000 DM zahlen. So blieb er weiterhin in gutem Einvernehmen mit der Familie Lauter und gewährte ihr 1970 und 1972 auch private Darlehen.

Am 30. September 1950 wurde der dritte und letzte Bauabschnitt des „100-Tage-Kaufhauses“ mit dem dritten und vierten Obergeschoss sowie dem Dachgeschoss fertiggestellt. Das Haus verfügte nun über sechs Geschosse und war nach neuestem internationalen Kaufhaus-Standard mit den essenziellen Einrichtungen von Rolltreppen sowie einer Klimaanlage ausgestattet. Nach den Eigentümern wurde es auch „Gatermann-Haus“ auf den „Gatermann-Gründen“ genannt. Es lag am König-Heinrich-Platz und an der Südseite der Königstraße direkt gegenüber dem Stadttheater am Nordende des Platzes. 2008 wurde das „100-Tage-Kaufhaus“ nach 60 Jahren Bestand für ein neues Karstadt-Haus abgerissen.


Den weiteren Verlauf ab der Eröffnung bis in die 1970er Jahre sowie Hortens Aktivitäten schilderten Peter Hoeres und Maximilian Kutzner 2023: Zunächst beschloss die Bundesrepublik Deutschland 1952 das Gesetz über den Lastenausgleich wegen Kriegsschädigungen an privaten Vermögen. Über eine Grundbesitzsteuer wurde in den entsprechenden Fonds eingezahlt, während Auszahlungen zur Kompensation von Vermögensverlusten über Anträge erreicht werden konnten. Viele Bürger, darunter auch Horten, waren zugleich Einzahler und Empfänger von Geldern an und aus dem Lastenausgleichsgesetz. Die Familie Lauter bewegte Horten 1961 dazu, wegen der Kriegszerstörungen des Kaufhauses Alsberg 1942 einen Antrag auf Lastenausgleich zu stellen, an dem man partizipieren wollte. 1975 wurde dieser Anteil auf 10.000 DM taxiert, Horten zahlte der Familie jedoch 50.000 DM gegen Einstellung aller Ansprüche aus.

Am 6. Februar 1952 stellten schließlich auch Bruno Zolki und Alfred Alexander, Miteigentümer des ehemaligen Kaufhauses Alexander & Echternach in Königsberg, das Horten 1938/39 „übernommen“ hatte, Anträge auf Wiedergutmachungsleistung nach dem Bundes-Entschädigungsgesetz an den westdeutschen Staat, die zu Auszahlungen in den Jahren 1957 und 1958 führten. Helmut Horten stellte am 29. April 1954 nach dem Lastenausgleichsgesetz einen Antrag auf Feststellung erlittener Kriegsschäden in den verlorenen Ostgebieten. Dort war er u.a. Miteigentümer des Warenhauses Reinold in Königsberg, der Flugzeugwerke Johannisthal in Berlin und Schluckenau sowie der Kaufhauskette Conitzer gewesen. Die Anträge zum Flugzeugwerk wurden abgelehnt. Am 19. Juli 1961 stellte Horten für erlittene Kriegsschäden am Vermögen erneut einen Antrag auf Zuwendungen nach dem Lastenausgleichsgesetz – 1964 wurden er und Wilhelm Reinold schließlich als „Hauptgeschädigte“ anerkannt. Horten erhielt 39.000 DM, von denen er jedoch nichts an die Vorbesitzer Zolki und Alexander abgab. Ähnliche Vorgangsweisen wählte er bezüglich des ehemaligen Kaufhauses Moses Conitzer & Söhne in Marienburg in Ostpreußen.
Der Bau im Kontext
Mit dem „100-Tage-Kaufhaus“ war Horten und seinem Architekten Fahrenkamp in mehrfacher Hinsicht ein Schlüsselprojekt gelungen. Nicht nur handelte es sich um den ersten Kaufhausneubau der Nachkriegszeit in Deutschland. Seine enorme Symbolkraft wies auch weit voraus ins Wirtschaftswunder, während seine Bautypologie viele Traditionen des Kaufhausbaus aus den 1920er Jahren fortsetzten. Der unspektakuläre, zurückhaltende Stil, mithilfe dessen Fahrenkamp und die Nachkriegsarchitektur in Mitteleuropa dies erreichten, lehnt sich in vielen Details an die klassizistischen Tendenzen der 1930er Jahre an. Diese wurden betont „sachlich“, nahezu „abstrakt“ interpretiert, also vorwiegend in den Proportionen der Bauten, aber ohne den klassischen Dekor mit Gesimsen, Pilastern, Säulen oder Kapitellen. Die „klassische“ oder klassizierende Strömung innerhalb der modernen Bewegung hatte bereits um 1910 mit Bauten der Werkbund-Mitbegründer Peter Behrens und Josef Hoffmann begonnen (Deutsche Botschaft in St. Petersburg; Österreichischer Pavillon Internationale Kunstausstellung Rom). In den 1930er Jahren war sie international als Mainstream-Moderne verbreitet (Palais de Chaillot, Paris 1937).

Der junge Architekt Albert Speer entwickelte ab 1933 diese Zeitströmung, die in Deutschland auch von seinem Lehrer Heinrich Tessenow vertreten wurde, durch enorme Maßstabsvergrößerung und Zugabe klassischer Details und teurer Materialien zur NS-Repräsentationsarchitektur nach dem Geschmack Hitlers weiter. Das zeigte sich u.a. im Deutschen Pavillon bei der Weltausstellung in Paris 1937, bei der Reichskanzlei in Berlin und bei den Bauten des Reichsparteitags in Nürnberg.

Das Ende des NS-Regimes bedeutete keineswegs das Ende des hieratisch-klassizierenden Stils der Mainstream-Moderne Europas. Asymmetrische, schlanke, konstruktivistische Lösungen der Avantgarde, wie sie Le Corbusier schon seit den 1920er Jahren bei internationalen Wettbewerben vorgeschlagen hatte (Völkerbundpalast Genf 1926; Palast der Sowjets Moskau 1930), hatten auch und gerade im Wiederaufbau keine Chance. Man wünschte nun keinerlei Experimente und setzte lieber auf bewährte Traditionen als auf avantgardistische Visionen, insbesondere in Deutschland und Österreich.
Der 12-achsige (Öffnungen im Erdgeschoss) und sechsgeschossige Kaufhausbau in Duisburg mit umlaufenden Vordach über den Schaufenstern des Erdgeschosses scheint (den erhaltenen zeitgenössischen Fotos nach zu schließen) zunächst mit einer simplen Putzfassade über dem Stahlbetonskelett ausgeführt worden zu sein. Die Ausfachung bestand großteils aus Fensterflächen und sehr niedrigen Parapeten. Das Dachgeschoss war zurückgesetzt. Mit diesen Eigenschaften entsprach das Duisburger Haus den Typen der 1920er und 1930er Jahre, etwa dem kleinen Kaufhaus Sally Hess/Horten in Wattenscheid, die nun in großem Maßstab und mit wesentlich verbesserter innerer Ausstattung wiederholt wurden. Für teure Fassadenbekleidungen wie etwa Steinplatten fehlte hingegen das Material und das Geld. Das Dachgeschoss war als Staffelgeschoss zurückgesetzt und diente vorwiegend den Mitarbeitern für interne Administrations- und Erholungszwecke, aber auch als Veranstaltungsraum.

Innen realisierte Horten die wesentlichen internationalen Standards der Kaufhausarchitektur: Die Abteilungen für Damenmode, Leder, Teppich, Kinder, Herrenmode etc. waren geschossweise getrennt und traten bereits als „Shop-in-shop“-Einheiten auf. Daraus wurden später u.a. die „Miss H“-Abteilungen (Damenmode), „Herrenausstatter“ und „Kupferspieß“-Restaurants der Horten-Kette. Die Konstruktion des Hauses war ebenfalls höchst pragmatisch — es handelte sich um einen simplen Stahlbeton-Skelettbau mit Unterzügen unter den Geschossdecken, der betont nüchtern auftrat und in dieser Nüchternheit — anders als vor dem Krieg — erstmals auf keine Akzeptanzprobleme mehr in Kundschaft und Bevölkerung stieß. „Armut“ war nun eine akzeptierte Eigenschaft der zeitgenössischen Architektur und galt nicht mehr bloß als Spleen minimalistischer Avantgardisten.

Sowohl für Helmut Horten als auch für Emil Fahrenkamp war das „100-Tage-Kaufhaus“ der Startschuss in die Ära des Wirtschaftswunders. Die Erfolgsstory Hortens sollte sich nur fünf Jahre später im Kaufangebot von Salman Schocken für seine soeben restituierte Warenhauskette Merkur spektakulär fortsetzen — Horten vergrößerte damit auf einen Schlag die Anzahl seiner Warenhäuser von zwei auf nahezu 20. Schon im nächsten Jahr, 1954, folgte die Warenhauskette Defaka der Familie Michael mit ebenfalls rund einem Dutzend Standorten in ganz Westdeutschland — die bedeutenden ostdeutschen Besitzungen von Schocken (zB Kaufhaus in Chemnitz) und Michael blieben hingegen auch für diese ehemaligen Eigentümer unerreichbar.

Das Jahrzehnt nach 1948 war der Konsolidierung und Integration der neuen Kaufhaus-Erwerbungen in den entstehenden Horten-Konzern sowie zahlreichen Schadensbehebungen gewidmet. Mitte der 1950er Jahre, nach der Übernahme der Merkur-Kette 1953, begann dann die eigentliche „Wirtschaftswunderarchitektur“ mit einem Neubauprojekt erneut in Duisburg, und zwar in der Düsseldorfer Straße, Ecke Friedrich-Wilhelm-Straße und einer Planung von Harald Loebermann und Helmut Rhode / RKK, 1958. Das Haus basierte auf Erkenntnissen, die Helmut Horten gemeinsam mit Rhode auf einer Studienreise in die USA gewonnen hatte und realisierte eine der ersten homogenen Gebäudehüllen der deutschen Nachkriegsarchitektur — hier im innovativen „Kettenhemd“-Design. Erstmals waren nun alle „klassischen“ Elemente wie das bis kurz zuvor noch unverzichtbare Traufgesims (Horten-Hochhaus Düsseldorf) und sämtliche tektonischen Gliederungselemente (Fassadenprofile) zu Gunsten einer glatten, einheitlichen Oberfläche verschwunden. Das zu eng gewordene, nur einen Straßenblock entfernt gelegene „100-Tage-Kaufhaus“ von 1948-50, das noch nach diesen Prinzipien entworfen worden war, wurde an die Karstadt-Kette abgegeben.

In der Rhein-Ruhr-Region entwickelte Hortens Warenhauskette weitere Innovationen in Neuss (Kachel-Design von Helmut Hentrich / HPP, 1962) und in Düsseldorf (Hauptverwaltung I, Eigenplanung, und II, mit Großraumbüros, von RKK), aber auch im Süden in Stuttgart (ehemaliges Erich Mendelsohn-Merkur-Gebäude, 1960 ersetzt durch Egon Eiermann-Bau). Hier manifestierte sich bereits die „Amerikanisierung“ der europäischen Architektur im „Internationalen Stil“, der den klassizierenden, vorsichtigen Übergangsstil des „100-Tage-Kaufhauses“ in Duisburg ablöste.


